Monday, February 20, 2006

Interreligiöser Rundbrief Nr. 119

Interreligiöser Rundbrief für Köln / Bonn und Umgebung Nr. 119
(20.2.2006)
I. Editorial 2
II. Veranstaltungshinweise. 3
II. 1. Veranstaltungen unter Beteiligung von Religions for Peace/WCRP Köln/Bonn. 3
II. 1. a. Schweigen für Frieden und Gerechtigkeit am 2.3. und am 6.4.2006. 3
II. 1. b. Interreligiöser Gesprächskreis in Bonn am 6.4.2006. 3
II.2. Veranstaltungen des Katholischen Bildungswerkes Bonn. 4
II.2.a. Noch drei Vorträge der Reihe: Sich vom Leben in Wahrheit, Freiheit und Liebe erfassen lassen. Die bleibende Dynamik der Herrschaft Gottes. Vortragsreihe 40 Jahre II. vatikanisches Konzil 1965-2005 am 6.3., 13.3. und 20.3.2006. 4
II.2.b. Podiumsgespräch: Auf der Straße zum Frieden? Über neue Entwicklungen im Nahostkonflikt. am 23.3.2006. 5
II.2.c. Vortrag: Ethische Dimensionen der Hirnforschung – Neurowissenschaftliche Dimensionen der Ethik am 2.3.2006. 5
II.2.d. Vortrag: Über Glauben, Unglauben und Zweifel. Das Bedürfnis nach Gewissheiten und die je eigene Un-/Religiosität am 3.4.2006. 6
II.3. Vortrag und Workshop: Buddhimus und Medizin am 10. und 11.3.2006. 6
II.4. Religionswissenschafliches Symposion der Studierenden am 25.-28.5.2006 in Marburg. 8
III. Forum.. 9
III.1. Anmerkung von Andreas Ludwig zu meiner Rezension seines Buches im Interrel. Rb. Nr. 118. 9
III.2. Anmerkung von Dorothee Sabriyah Palm zu meiner Zusammenfassung des interreligiösen Gesprächskreises im interrel. Rb. Nr. 118. 10
IV. Schwerpunktthema Karikaturen-Streit 11
IV.1. Wort zum Sonntag von Burkhard Müller vom 11.2.2006. 11
IV.2. Stellungnahme von Prof. Dr. Muhammad Kalisch. 12
IV.4. ZERG-Podiumsdiskussion „Gottes- und Prophetenbilder. Die Karikatur zwischen Meinungsfreiheit und Bilderverbot“ am 13.2.2006 in der Uni Bonn (ein Bericht von mir) 24
IV.4. Ein paar ganz persönliche Gedanken von mir über die Verletzbarkeit religiöser Gefühle. 25
V. Presseerklärung vom Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland zur Einbürgerung in Baden-Württemberg. 26
VI. Literaturhinweise. 26
VI.1. 12. Band der Schriftenreihe „Bausteine der Mensching-Forschung“. 26
VI.2. Martin Kämpchen: Dialog der Kulturen. Eine interreligiöse Perspektive. 27
VI.3. Gereon Vogel. Blasphemie, Die Affäre Rushdie in religionswissenschaftlicher Sicht. 28
VII. Off-Topic: Musikrezensionen von mir 28
VII.1. Konzertrezension: Dán am 20.01.2006 im Bungertshof in Königswinter-Oberdollendorf 28
VII.2. Konzertrezension: „Klang der Kulturen“ auf dem Symposium des Annemarie Schimmel-Forums am 21.01.2006 im Haus der Evangelischen Kirche in Bonn. 30
VII.3. Konzertrezension: Lokal Heroes am 28.1.2006 in der Harmonie in Bonn-Endenich. 31
VII.4. Konzertrezension: Battlefield Band am 1.2.2006 in der Brotfabrik in Bonn-Beuel 32
VII.5. Konzertrezension: Le Clou am 3.2.2006 in Bungertshof in Königswinter-Oberdollendorf 34
VII.6. Konzertrezension: Sahara am 11.2.2006 in der Harmonie in Bonn-Endenich. 35
VII.7. Konzertrezension: Angelo Branduardi: Die Laude des Heiligen Franziskus am 16.2.2006 im Brückenforum in Bonn-Beuel 36
VII.8. CD-Rezension: Katy Sedna. ...for you. 38
VII.9. CD-Rezension: Positano. Mehr. 39
VII.9. CD-Rezension: Lokal Heroes. Smash the Windows. 40
VII.10. CD-Rezension: Walter Liederschmitt & Andreas Sickmann. Treverer Barden. Trier/Mosel 40
VII.11. CD-Rezension: Woltähr. Trier night & day. bonus tracks 2001 – 2005. 42
VII.12. CD-Rezension: Dán. Stranger at the Gate. 42
VII.13. CD-Rezension: Battlefield Band. the Road of Tears. 43
VIII. Und noch’n Gedicht: Hacci Bayram: Was hat denn mein Herz?. 44


I. Editorial


Liebe Leserinnen und Leser,

der unselige Streit um die Muhammad-Karikaturen zeigt ganz deutlich, dass Religion keineswegs ein Thema von gestern ist, und auch, wie sehr Religion mit kultureller und ethnischer/nationaler Identität, Selbstwertgefühl, Politik und Wirtschaft gekoppelt und so von all den mit diesen Bereichen verbundenen Empfindlichkeiten betroffen ist. Manche meinen, ihre geistige Überlegenheit zeigen zu können, in dem sie religiöse Gefühle anderer Menschen verletzen, andere lassen sich davon dermaßen provozieren, dass sie das eigene Leben gefährden oder anderen Menschen das Leben nehmen. Zum Glück aber gibt es auch besonnene Menschen, die warmherzig und scharfsinnig genug sind, sich von diesem Wahnsinn nicht anstecken zu lassen. Zwei davon gaben mir die Erlaubnis, Ihre schon vorher veröffentlichten Texte auch hier im interrel. Rundbrief rund zu schicken, Burkhard Müller, der ehemalige Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Bonn und Muhammad Kalisch, Lehrstuhlinhaber für muslimische Theologie an der Universität Münster. Diese Texte, sowie einen Podiumsdiskussion-Bericht und ein paar Gedanken von mir finden Sie unter IV. und einen themenverwandten Buchtipp unter VI.3.


Wie im interrel. Rb. Nr. 118 – 3. Nachtrag rundgeschickt, wird Muhammad Kalisch heute am Montag, dam 20.2.2006 mit Klaus Leffringhausen über eine Theologie der Integration diskutieren, wovon ich zufällig durch ein Plakat erfuhr. So dachte ich mir, es sei doch besser, von den Veranstaltern über einen Presseverteiler per E-Mail informiert zu werden, damit ich solche Termine ohne viel eigene Recherche- oder Abschreibearbeit an Sie weiter geben kann, denn so viel Zeit habe ich einfach nicht, da ich das ja alles ehrenamtlich mache. Doch das scheint komplizierter zu sein als gedacht. Einige Veranstalter haben ihre Programme nur je als Ganzes in einer PDF-Datei, aus der man nicht einfach mal etwas heraus kopieren kann, ein anderer verschickt seine kurzfristigen Pressinfos nur per Fax, was mir nichts nützt, da ich kein Fax-Gerät habe, wieder andere Veranstalter scheinen gar nicht zu verstehen, was ich überhaupt von ihnen will. So als ehrenamtlicher Multiplikator wird man nicht unbedingt von den Hauptamtlichen ernst genommen. Nun, vielleicht wird ja noch was draus. Rainer Kaps vom Katholischen Bildungswerk schickte mir aber das ganzes Halbjahresprogramm als Word-Datei, so dass ich ganz einfach noch aktuelle und thematisch in den interrel. Rundbrief passende Termine herauskopieren konnte. Das ist vorbildlich multiplikatoren- und damit kundenfreundlich!

Gerne hätte ich in diesem Rundbrief von zwei Tagungen berichtet, nämlich der vom Annemarie-Schimmel-Forum über „Islamisches Denken im Wandel und die Europäische Aufklärung“ und der vom ZERG über religiösen Fundamentalismus, und gerne hätte ich zumindest einer der beiden Buchrezensionen über zwei Bücher von Britta Kanacher fertig gehabt, aber dazu reichte meine Zeit dann doch nicht. Wichtiger schien mir, die oben genannten Texte zum Karikaturenstreit früh rund zu schicken, solange sie evtl. noch etwas bewirken können im Denken der Menschen. Die aufgeschoben Sachen sollen dann in der Nr. 120 und 121 kommen. So werden Sie sich vielleicht fragen, warum ich denn statt dessen so viele Musikrezensionen geschrieben habe. Das ist einfach erklärt: ein besuchtes Konzert muss ich zeitnah beschreiben, solange ich mich noch an Einzelheiten erinnere, denn Notizen während dessen mache ich mir keine, und eine CD ist schneller gehört als ein Buch gelesen. (Unter VII.2. gibt es auf diesem Wege doch etwas über das Annemarie-Schimmel-Forum-Symposium). Dass Musiker und Veranstalter auf die Rezensionen warten ist kein triftiger Grund, denn das tun Buchautoren und Verlage auch. Und mein Doktorvater wartet auf die Dissertation, was sehr wohl ein triftiger Grund ist, diesem Projekt die erste Priorität zukommen zu lassen.

Nun überlasse ich Sie der Lektüre des Rundbriefes. Wer unter Stress leidet und sich für buddhistische Lösungsvorschläge interessiert, findet sie vielleicht unter II.3., Religionswissenschaftsstudierende achten bitte besonders auf II.4.


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II. Veranstaltungshinweise

II. 1. Veranstaltungen unter Beteiligung von Religions for Peace/WCRP Köln/Bonn

II. 1. a. Schweigen für Frieden und Gerechtigkeit am 2.3. und am 6.4.2006

Auch am jeweils ersten Donnerstag im März und April 2006 laden wir wieder zum Schweigen für Frieden und Gerechtigkeit ein, wie immer von 17.30 Uhr bis 17.45 Uhr auf dem Münsterplatz in Bonn.

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II. 1. b. Interreligiöser Gesprächskreis in Bonn am 6.4.2006

Der Interreligiöser Gesprächskreis in Bonn von Religions for Peace/WCRP Köln/Bonn findet am 1. Donnerstag im April, also 6.4.2006 statt.
19.30-21.30 Uhr bei Lioba von Lovenberg, Argelanderstr. 6, 53115 Bonn
Thema: Was ist Realität?


Rückblick auf den Gesprächskreis zum Thema „Der Gott des Wirtschaftswachstums“ am 31.1.2006:

In christlich-muslimisch-baha’i-vereinigungskirchlich-buddhistisch-humanistischer Runde gingen wir zu sechst der Frage nach, was unter dem Gott des Wirtschaftswachstums zu verstehen sei und was das im Weiteren bedeute. Der Themenformulierung lag die Beobachtung zu Grunde, dass das Wirtschaftswachstum in unserer Gesellschaft immer wieder als anzustrebendes Ziel genannt wird, also das Wachstum des Brutosozialprodukts, des Umsatzes, der Gewinne usw. Diese Zielsetzung gleite dort aus dem rein ökonomischen in religiöse Dimensionen, wo es als oberstes gesellschaftliches Ziel überhaupt gesehen wird und von ihm das Glück des Lebens abhängig gemacht wird. Materieller Wohlstand der Gesellschaft wurde teilweise als dem Wachstum selber noch übergeordnet interpretiert, von einigen Teilnehmern aber auch als gar nicht mehr im Blick der Wachstumsideologen vermutet, nämlich dort, wo Unternehmen Gewinne machen, und trotzdem Mitarbeiter entlassen, um das Wachstum nicht zu gefährden. Es wurde gesagt, dass viele Menschen nicht mehr Maß halten könnten mit ihren materiellen Wünschen, womit die Wünsche nach Besitz, Macht und Ruhm gemeint waren. Je maßloser man sei, je wenige man sich seine Wünsche in Grenzen halte, desto unfreier und unglücklicher werde man aber. Man habe zwar noch Spaß, aber keine Freude mehr. Menschen die viel besitzen machten sich nicht weniger Sorgen als jene, die wenig besitzen, eher sogar noch mehr, obwohl sie keinen Grund dafür hätten. Wir sprachen auch über die Obdachlosen, die im Konkurrenzkampf nicht mehr mitgehalten und ausgestoßen worden seien, und deren Betteln um Kleingeld uns einerseits belästige, wir ihnen aber dieses Recht auch nicht absprechen wollten. Während es für einen Bettler gesetzlich verboten sei, Passanten um Geld anzusprechen, sei es den Unternehmen nicht verboten, mit aufdringlicher Werbung um Kundschaft zu betteln, da letztere dem Wirtschaftswachstum dienten, erstere aber nicht. Menschen ließen sich viel zu sehr mit Brot und Spielen abspeisen und zwängen anderer dazu, beim Wettrennen danach mitzumachen, und verlören dadurch ihre eigene Zufriedenheit.
Beim nächsten Gesprächskreis wollen wir uns dem schwierigen Thema zuwenden: Was ist Realität?

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II.2. Veranstaltungen des Katholischen Bildungswerkes Bonn

(aus dem Programm, das Rainer Kaps mit zuschickte)

II.2.a. Noch drei Vorträge der Reihe: Sich vom Leben in Wahrheit, Freiheit und Liebe erfassen lassen. Die bleibende Dynamik der Herrschaft Gottes. Vortragsreihe 40 Jahre II. vatikanisches Konzil 1965-2005 am 6.3., 13.3. und 20.3.2006

Das von Papst Johannes XXIII einberufene Konzil wurde am 8. Dezember 1965 durch Papst Paul VI feierlich beendet. Zum Konzilsgedenken führen wir im Winterhalbjahr eine Vortragsreihe über den Begriff der Gottesherrschaft durch. Wie keine andere Kirchenversammlung hat das II. Vatikanum diesen Grundbegriff der Verkündigung Jesu in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt. Die Kirche und die einzelne christliche Existenz stehen im Horizont der erwarteten Wiederkunft des Auferstandenen. Das Konzil hat die Erneuerungsbewegung der sechziger Jahre aufgenommen und vertieft: Das Reich Gottes nicht indifferent gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen, wie zehn Jahre später die Synode der westdeutschen Bistümer lehrte. Die Gottesherrschaft ist aber auch nicht mit dem gesellschaftlichem Fortschritt gleichzusetzen. Sie ist bleibender Stachel in den unbefriedigenden Zuständen in der Welt, weil sie die „großen“ Sehnsüchte der Menschen nach einem Leben in Liebe, Freiheit und Wahrheit als wirklich erfüllbar verkündet. Sie hat irdisch schon begonnnen und wird die Glaubenden in fortschreitender Dynamik in die kaum vorstellbare Wirklichkeit des göttlichen Heils führen.

Mo., 6. März 2006, 20.00 Uhr, Gangolfstraße 14Einsatz für Gerechtigkeit - Verkündigung des EvangeliumsDie "Zeichen der Zeit" als sozialethische Herausforderung der KircheProfessorin Dr. Marianne Heimbach-Steins, Bamberg
Welches sind im Licht des Evangeliums die Zeichen der heutigen Zeit? Das Konzil betrachtet es als Auftrag der Kirche, diese Zeichen herauszuarbeiten. Die Ereignisse der Gegenwart sowie die konkreten gesellschaftlichen Zustände sollen als Herausforderungen für die Verkündigung gedeutet werden. In der Konsequenz dieses Ansatzes werden folgende soziale oder politische Themen zu Bausteinen der christlichen Verkündigung: der Einsatz für Gerechtigkeit, das Eintreten der Kirche für menschenwürdige Lebensverhältnisse aller und für einen nachhaltigen Umgang mit den Gütern der Erde. Hält die kirchliche Praxis diesen Prüfsteinen stand?
Montag, 06. März 2006, 20.00 bis 22.15 UhrMünstersaal, Gangolfstraße 14, BonnTeilnehmerbeitrag: € 6,-. Mo., 13. März 2006, 20.00 Uhr, Gangolfstraße 14Lebensgestaltung und GottesherrschaftZur Spiritualität und Ethik christlichen Lebens in den Texten des II. VatikanumsProfessor Dr. Eberhard Schockenhoff, Freiburg
Das Konzil vertrat eine weltoffene, dialogische Spiritualität und Ethik des Dienstes der Christen in der Welt. Im Horizont der kommenden Gottesherrschaft sollten sie die Zeichen der Zeit erkennen und „entsprechend der hohen Würde des Menschen“ die Welt gestalten. Das Ziel ist „eine tiefer begründete Brüderlichkeit“, eine Verwirklichung von Gerechtigkeit und Liebe. Weil Gott das Heil aller Menschen will, ermuntert das Konzil die Christen zur Kooperation mit allen Menschen guten Willens. Welche Konkretisierung verlangen diese Impulse im privaten und gesellschaftlichen eben?
Montag, 13. März 2006, 20.00 bis 22.15 UhrMünstersaal, Gangolfstraße 14Teilnehmerbeitrag: € 6,-
Mo., 20. März 2006, 20.00 Uhr, Gangolfstraße 14Die Umkehr der Kirche (ecclesia semper reformanda)Wie lernen Konzilien aus der Geschichtserfahrung? Beispiele aus dem Mittelalter und der frühen NeuzeitProfessor Dr. Andreas Holzem, Tübingen
Gemäß den Texten des II. Vatikanums ist die Kirche „zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig“ „Sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“. Nimmt man diese Lehre ernst, so liegt die Frage nahe, wie sich in der Geschichte der Kirche Reform und Erneuerung vollzogen haben. Ist etwa in der Konzilsgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu erkennen, wie sich die Kirche selber immer mehr als die eine, heilige, katholische und apostolische verwirklicht? Wie geschichtlich und wandlungsfähig muss die Kirche sein, damit sie einig, heilig, und apostolisch sein kann?Montag, 20. März 2006, 20.00 bis 22.15 UhrMünstersaal, Gangolfstraße 14Teilnehmerbeitrag: € 6,-

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II.2.b. Podiumsgespräch: Auf der Straße zum Frieden? Über neue Entwicklungen im Nahostkonflikt. am 23.3.2006

Do., 23. März 2006, 19.30 Uhr Willy-Brandt-Allee 14
Auf der Straße zum Frieden? Podiumsgespräch über neue Entwicklungen im Nahostkonflikt.“Esther Schapira (Fernseh-Journalistin) und Dr. Aref Hajjaj (Vorsitzender des Palästina-Forums) - Moderation: Joachim WesthoffNach der Räumung der israelischen Siedlungen im Gazastreifen eröffnen sich Perspektiven für die Wiederaufnahme des Friedensprozesses im Nahen Osten. Die „Roadmap“, der von UNO, EU, USA und Russland im Mai 2003 vorgelegte „Fahrplan zum Frieden“, scheint wieder aktuell zu werden. Die Parlamentswahlen in der Palästinensischen Autonomie (Januar) und in Israel (März) werden den Regierungen auf beiden Seiten ein neues Mandat zum Handeln verschaffen. Das Podiumsgespräch kommentiert die jüngsten Entwicklungen im Nahostkonflikt und lotet die Chancen für eine erfolgreiche Friedensregelung aus.Kooperation: DIG AG Bonn; Ev. Forum; Palästina-ForumDonnerstag, 23. März 2006, 19.30 bis 21.45 UhrHaus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14, BonnTeilnehmerbeitrag: 5,- €


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II.2.c. Vortrag: Ethische Dimensionen der Hirnforschung – Neurowissenschaftliche Dimensionen der Ethik am 2.3.2006

Mo., 27.03.2006, 20.00 Uhr, Gangolfstr. 14Ethische Dimensionen der Hirnforschung – Neurowissenschaftliche Dimensionen der EthikDr. Christian Hoppe, Bonn
In den kommenden Jahren wird uns das Verhältnis von Ethik und Hirnforschung zunehmend beschäftigen: Die normative Neuroethik richtet Fragen an die Hirnforschung. Sie betreffen die konkrete Forschungspraxis und die künftige Anwendung neuronalen Wissens. Auch grundlegende Probleme sind berührt: Umgang mit Zufallsbefunden bei einer Kernspin-Tomographie, möglicher Missbrauch durch privatwirtschaftliche und staatliche Einrichtungen, künstliche Optimierung des Denkvermögens ('Hirndoping'). Umgekehrt erforschen die Neurowissenschaften die hirnphysiologischen Voraussetzungen der moralischen Entwicklung und des Verhaltens. Wenn Moral aber ausschließlich an biochemisch gesteuerte Prozesse gebunden werden, verlieren traditionelle Konzepte der Ethik, die auf der Freiheit des Willens beruhen, ihre Überzeugungskraft. Wie sieht ein eigenständiger christlich-theologischer Beitrag zu dieser Debatte aus?
Dr. rer. nat. Christian Hoppe ist Theologe und Psychologe; er arbeitet als klinischer Neuropsychologe an der Universitätsklinik für Epileptologie Bonn.Montag, 27. März 2006, 20.00 bis 22.15 UhrMünstersaal, Gangolfstraße 14, BonnTeilnehmerbeitrag: € 6,-

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II.2.d. Vortrag: Über Glauben, Unglauben und Zweifel. Das Bedürfnis nach Gewissheiten und die je eigene Un-/Religiosität am 3.4.2006

Mo., 03. April 2006, 20.00 Uhr Colmantstraße Über Glauben, Unglauben und Zweifel Das Bedürfnis nach Gewissheiten und die je eigene Un-/ReligiositätHermann Kurzke (Mainz) und Jacques Wirion (Luxemburg)Die Gesprächspartner des Abends haben unter dem Titel „Unglaubensgespräch“ ein ehrliches und engagiertes Buch vorgelegt. Es handelt „vom Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben“, aber auch vom Wahrheitsanspruch des je eigenen Denkens und Gewissens. Die Autoren tauschen in Form von Briefen ihre unterschiedlichen Gefühls- und Geistes-Lagen aus. So existentiell, emotional und zugleich vernunft-geleitet, ist lange nicht mehr über Glaubenszustimmung und Glaubenszweifel gestritten worden. Eine Einladung, ähnlich streitbar und in Achtung vor dem Standpunkt und den Gefühlen des anderen die eigene Religion in die Sprache zurückzuholen. – Hermann Kurzke ist Germanistik-Professor und Thomas-Mann-Biograph, Jacques Wirion ist Autor und Präsident des luxemburgischen Deutschlehrerverbandes.Kooperation: Rheinisches Landesmuseum BonnMontag, 03. April 2006, 20 Uhr bis 22.15 Uhr Rheinisches LandesMuseum Bonn, ColmantstraßeTeilnehmerbeitrag: 6,-

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II.3. Vortrag und Workshop: Buddhimus und Medizin am 10. und 11.3.2006

(zugeschickt von Yesche Udo Regel)



Buddhismus und Medizin

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns Ihnen mit dieser e-Mail als Mitveranstalter den Besuch von Dr. Jon Kabat-Zinn am 10. und 11. März 2006 in Bonn ankündigen zu können.

Dr. Kabat-Zinn ist ein amerikanischer Arzt und Meditationslehrer, der die Methode MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) bzw. "Stressbewältigung durch Achtsamkeit" entwickelt und in Nordamerika in ca. 300 Kliniken eingeführt hat. Im Januar 2006 erschien nach einigen bekannten Büchern wie "Gesund durch Meditation" und "Im Alltag Ruhe finden" sein fast 700 Seiten umfassenden Werk "Zur Besinnung kommen" (Coming to Our Senses) auf Deutsch. Der Untertitel lautet: "Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt." Kabat-Zinn studierte vor allem buddhistische Meditationen bei Lehrern aus Burma, Korea und zuletzt auch aus Tibet. In den USA gehört er zur ersten Generation der bekannten westlichen Meditationslehrer wie Jack kornfield und Joseph Goldstein. Es ist sein verdienst, die buddhistischen Meditationsformen ins medizinische und wissenschaftliche Milieu eingeführt zu haben.

Der Arbor-Verlag ist Organisator dieser Rundreise und auch der Veranstalter von Kabat-Zinns Besuch in Bonn. Hier sind zwei Veranstaltungen im Clemens-August-Saal des Hotel President, Clemens-August-Str. 32-36, in BN-Poppelsdorf vorgesehen:

1. am Freitag, den 10. März 2006 um 20.00 Uhr
ein Abendvortrag zu "Stressbewältigung durch Achtsamkeit" und
2. am Samstag, den 11. März 2006
ein Übungstag von 10.00 bis 18.00 Uhr zum Thema seines neuen Buches „Zur Besinnung kommen“

Die Anmeldung für den Übungstag kann nur über
Arbor-Seminare
Karlstr. 3a, 79104 Freiburg
Tel. 0761-479 9540
seminare@arbor-verlag.de
vorgenommen werden. Die Teilnahme kostet 100,- €, ermäßigt 90,- €.

Siehe auch: www.arbor-verlag.de

Der Abendvortrag kann unabhängig vom Übungstag besucht werden. Es gibt eine Abendkasse (10,- €, ermäßigt 8,- €).
Wegen der Stuhlanzahl ist jedoch eine kurze telefonische oder schriftliche Anmeldung in unserer Bonner Praxis (0228-9086860) wünschenswert.

Die Übernachtung ist im Hotel President Bonn möglich. Die Preise sind relativ günstig, da für das Seminar einige Zimmer vorgebucht wurden. Sie können ihre Reservierung unter Bezug auf die Veranstaltung (bitte Arbor-Verlag angeben) beim Hotel selbst unter 0228-7250-0 vornehmen und dann direkt vorort im Hotel bezahlen.

Für Fragen zu der Veranstaltung stehen wir gerne zur Verfügung. Wir beschreiben Ihnen auch gerne den Weg zum Hotel President Bonn (15 Geh-Minuten vom HBF Bonn, Bus "Am Botanischen Garten"), das direkt gegenüber unserer "Praxis für Achtsamkeit, Entspannung, Meditation und Stressbewältigung" in Bonn liegt.

Sie können uns auch bei der Werbung helfen. Es gibt eine Broschüre (wie pdf) und ein DIN A 4 Poster. Fordern Sie Exemplare bei uns in Bonn an! Für eine Weiterleitung dieser e-Mail an andere potentielle Interessenten wären wir sehr dankbar.
Wir bitten um Entschuldigung, falls Sie diese e-Mail von uns mehrmals erhalten.

Sie können der angefügten pdf-Datei die Daten seiner ganzen Rundreise durch Deutschland, Österreich und die Schweiz im März 2006 entnehmen. Unter diesen Stationen ist Bonn die Veranstaltung für den Westen Deutschlands. Außerdem finden Sie eine Pressemappe unter http://www.arbor-verlag.de/presse .

Mit herzlichen Grüßen,

Angelika Wild-Regel und Yesche U. Regel



Attachment Converted: "c:\eudora\attach\Flyer JKZ-20061.pdf"

Attachment Converted: "c:\eudora\attach\Rubri Kabat-Zinn in Bonn.doc"

e-Mail: stressbewaeltigungbonn@t-online.de , info@mbsrbonn.de , yesche-regel@t-online.de

Homepage: www.stressbewaeltigungbonn.de , www.mbsrbonn.de ,
www.paramita-projekt.de , www.yesche.de, www.yesche.homepage.t-online.de
(Die Homepages sind leider derzeit noch im Begriff aktualisiert zu werden.)

[Die Attachments können auch bei mir angefordert werden. MAS]


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II.4. Religionswissenschafliches Symposion der Studierenden am 25.-28.5.2006 in Marburg

(Info von Alexander Rödel via Yggdrasill-Liste)

Liebe Listenmitglieder,

vom 25.05 - 28.05.2006 wird in Marburg das diesjährige Symposium der
Studierenden der Religionswissenschaft stattfinden. Zu dieser
bilingualen Veranstaltung (Deutsch, Englisch) sind zum ersten Mal auch
Studierende aus ganz Europa eingeladen.

Informationen dazu gibt es auf der Konferenzseite:
http://symposium.skuldnet.org

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie daher diese Nachricht an Ihre
Studierenden und Ihnen bekannte Standorte in Europa weiterleiten könnten.

Mit den besten Grüßen,
Alexander Rödel

------------ Anhang: Call for Papers

Liebe Studierende der Religionswissenschaft,

Wir möchten euch herzlich nach Marburg einladen, um mit uns zusammen
über Religionen, Religionswissenschaft und das studentische Leben
zwischen diesen beiden Spannungsfeldern zu sprechen. Wir werden dabei
vielleicht nicht wie Söderblom die Existenz Gottes aus der
Religionsgeschichte beweisen können, aber dennoch viel anderen Spaß
gemeinsam haben.

Egal ob im 1. Semester oder schon mit Magister-Abschluss, egal ob
Nebenfach, Hauptfach oder B.A., alle sind aufgerufen, zu einer bunten
Mischung beizutragen.

Erwünscht sind - wie immer- Vorträge über eigene Interessengebiete,
Reisen und Workshops, so lange eine Beziehung zur Religionswissenschaft
und/oder hochschulpolitischen Themen hergestellt werden kann. Seid
kreativ und macht euch bewusst, dass sich ein Symposiumsvortrag durchaus
von einem Standard-Referat des grauen Uni-Alltags unterscheiden darf.

Wer das Symposium also mitgestalten möchte, schickt seinen Abstract
(kurze Inhaltangabe/ Skizze) spätestens bis zum 1. April 2006 an
abstract@symposium.skuldnet.org. Wie immer gilt: max. 30 Minuten
Monolog. Wir möchten zudem auch Erstsemester ermuntern, sich innerhalb
des geschützten Symposium-Rahmens an einem Vortrag zu versuchen.

Alle wichtigen Informationen zu Anreise, Unterbringung, Anmeldung usw.
findet ihr unter http://symposium.skuldnet.org. Tiefergehende
Informationen zur Tradition des Symposiums gibt es unter Skuld
(www.skuldnet.org).

Wir freuen uns auf euer Kommen!
Die Marburger Studierenden der Religionswissenschaft und Vgl. Kultur-
und Religionswissenschaft


---------------------- English version:
Dear Students of the Study of Religions

We would like to warmly welcome you to Marburg to talk with people from
different European countries about religions, how to study them and
everything that matters in between.

Maybe we will not prove the existence of god by the History of Religions
as Söderblom did once, but there will be enough other activities.

Whatever year you are studying, whether your are an undergraduate or a
postgraduate student, or whether your major is the Study of Religions or
something else, we are happy to have a good mixture.

We really look forward to your papers about your interests, travelogues
and workshops concerning subjects of the Study of Religions and/or
policies on higher education (e.g. European study programmes in the
Study of Religions).

Be creative and be aware of the fact that all people will definitely
appreciate papers which will differ from standard university papers of
everyday life.

We ask those who want to support the Symposium by presenting a paper to
send their abstract to abstract@symposium.skuldnet.org by the 1st of
April 2006.
Papers should be 30 minutes in length. We would also like to encourage
students in their first study year to try giving a presentation.

You can find further information about travel, accommodation, and
registration on the internet: http://symposium.skuldnet.org.

We look forward to seeing you in Marburg!
The Students of the Study of Religions at Marburg

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III. Forum

III.1. Anmerkung von Andreas Ludwig zu meiner Rezension seines Buches im Interrel. Rb. Nr. 118


Liebe Leser des vorliegenden Rundbriefes,

da Michael so nett war, meine Publikation zu Aleister Crowley zu rezensieren, möchte ich an dieser Stelle einerseits meinen Dank aussprechen, andererseits einige kleine Anmerkungen beifügen. Michael bot mir an, eine Klarstellung hier zu veröffentlichen, da ich ihm privat mitteilte, daß einige Dinge offenbar anders in meinem Buch rüberkamen bei ihm, als sie eigentlich gemeint waren. Ich denke, eine Rezension ist die persönliche Stellungnahme zu einer Veröffentlichung, so daß man als Autor das auch zu akzeptieren hat. Insofern geht die Rezension völlig in Ordnung, so daß ich allenfalls die Gelegenheit wahrnehmen möchte, einige Anmerkungen hier beizusteuern.

“Die zu Lebzeiten Crowleys und darüber hinaus kursierenden Geschichten um seinen hedonistischen Lebenswandel und seine satanistischen Kulte verweist Ludwig in das Reich der Klatschpresse und der Polemik aus der Feder christlicher Apologeten, und argumentiert gegen derartige Vorwürfe aus der Theorie der Crowley’schen Lehre selbst. Ob das schlüssig ist, kann ich nicht letztgültig beurteilen, da mir wie gesagt, das Thema fremd ist, aber alleine aus einer theoretischen Lehre hinaus auf das praktische Leben eines religiösen Menschen zu schließen, genügt in den meisten Fällen nicht.”

Das ist nicht ganz korrekt, denn ich betrachte nicht alles, was man an Vorwürfen gegenüber Crowley vorgebracht hat und immer noch bringt, als Produkt der Klatschpresse. Richtig ist, daß Crowleys libertärer Lebenswandel gerade in der Zeit, in der er lebte, manches Aufsehen und viel Ablehnung provoziert hatte und heute gerne eben darauf Bezug genommen wird, wenn es um eine Be- resp. Verurteilung seiner Person geht. Dass Crowley ein Hedonist war, mag stimmen, wenn ich das zugrunde lege, was man gemeinhin darunter versteht, dass er ein Satanist war, ist hingegen eindeutig falsch. Letzteres ist für mich deswegen durchaus eher im Bereich der Klatschpresse anzusiedeln, die sich immer schon gerade für diese angeblich offenkundige Seite Aleister Crowleys interessiert zeigte und aus dieser Motivation heraus viele der sinistren Legenden um seine Person tradierte oder selber schuf. Gerade dieser Punkt bedarf allerdings einer massiven Korrektur, was mit ein Grund für das Verfassen der angesprochenen Publikation war und nur gegen diesen spezifischen Punkt argumentiere ich “aus der Theorie der Crowle'schen Lehre”, d.h. ich beziehe mich auf das, was Crowley tatsächlich gelehrt hat und stelle dies den angesprochenen Vorwürfen eines vermeintlich von ihm gelehrten/gelebten “Satanismus” gegenüber. Ich hatte nicht vor, Crowleys Persönlichkeit aus seiner Lehre heraus zu rechtfertigen, da dies der fachlichen Zielsetzung der Studie nicht entspricht. Wie man zur Person Crowleys steht, hat zwar auch etwas damit zu tun, inwieweit man seine Lehre wirklich kennt, aber trotzdem mag es viele Gründe geben, ihn als Person abzulehnen, auch wenn man die verschiedenen Legenden um ihn als solche erkennen kann.

“Mit dem gleichen Maßstab ergreift Ludwig auch hier und da Partei für die reine Crowley’sche Lehre gegenüber Fehldeutungen und Anmaßungen abtrünniger Schüler. “

Das ist etwas mißverständlich formuliert, denn ich ergreife nicht Partei für die reine Lehre Crowleys in dem Sinne, das ich sie vertreten würde, sondern ich betone lediglich, daß man sich nicht auf Interpretationen beziehen darf, die Schüler – abtrünnig oder nicht – von Crowley äußern, wenn man Crowleys Lehre beurteilen will.

Mit diesen kleinen Bemerkungen zu den angesprochenen einzelnen Punkten möchte ich es bewenden lassen und mich für die Aufmerksamkeit bedanken. Falls sich interessierte Leser/Käufer finden lassen, für dieses in der Religionswissenschaft etwas stiefmütterlich behandelte Thema, würde mich das natürlich freuen.
Andreas Ludwig (MA)

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III.2. Anmerkung von Dorothee Sabriyah Palm zu meiner Zusammenfassung des interreligiösen Gesprächskreises im interrel. Rb. Nr. 118

Zum Thema "Gelassenheit" nur eine Anmerkung, da ich leider, leider nicht an dem Termin teilnehmen konnte:Das deutsche Wort Gelassen-heit stammt, ebenso wie das Wort Wirklich-keit, von Meister Eckhard, dem großen Mystiker des 12. Jahrhunderts. Er meint damit, soweit ich es verstanden habe, das Lassen von allem. In seinem Fall sehr radikal: Sogar das Lassen (oder Los-lassen) eines Gottesbildes, jeglicher Vor-stellung von Gott. Damit sich nichts vor Gott stellt in unserem Bewusstsein. Ja sogar das Lassen der Sehnsucht nach Gott. Alles, alles zu lassen im quasi "leeren" Bewusstsein des Aufgehobenseins in dem, was er "Gott-heit" nennt - das ist ein Zustand eben der Ge-lassenheit. In dem man, wie es die islamische Mystik formulieren würde, "nichts besitzt und von nichts besessen wird".Wirklich-keit ist dann entsprechend die eigentliche Realität, denn nur Gott "wirkt" tatsächlich und ist wirk-lich.Herzliche Grüße, Dorothee Sabriyah

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IV. Schwerpunktthema Karikaturen-Streit

IV.1. Wort zum Sonntag von Burkhard Müller vom 11.2.2006

Dorothee Sabriyah Palm schickte mir das Wort zum Sonntag zu, das Burkhard Müller, ehem. evangelischer Superintendet des Kirchenkreises Bonn, am 11.2.2006 im Ersten im Fernsehen gesprochen hat. Burkhard Müller erlaubte die Veröffentlichung im interrel. Rundbrief. Es befindet sich im Internet unter: http://www.daserste.de/wort/sendung.asp

Lieber Michael,noch eine letzte mail, da ich eben erst einen Text erhielt, nachdem ich Dir schon geantwortet hatte.Statt eines Leserinnenbriefes schlage ich vor, diesen untenstehenden Text des ev. Pfarrers Müller im Rundbrief zu veröffentlichen - es war ein Wort zum Sonntag. Viele Grüße, DorotheeDas Wort zum Sonntag vom 11. Februar 2006gesprochen von Burkhard Müller (evang.)Das Fass läuft überDer Islam ist eine großartige Religion. Vielen von uns ist sie fremdoder weithin unbekannt. Menschen, die den Islam lieben, bedauernzutiefst die Bilder der Gewalt in den Medien: die abgefackelten Fahnen, die gestürmten Botschaften, die zertrümmerten Autos, die aufgehetzten grölenden Massen.Dies und anderes lässt uns von der Schönheit und Tiefe ihrer Religionwenig ahnen. Ich weiß aber, dass trotzdem manche aus meiner christlichenKirche mit mir überzeugt sind: der Islam hat viel Segen über die Weltgebracht.Wenn ich in Teheran geboren wäre oder in dem Armenviertel zu Djakarta,wäre der Islam auch für mich Halt und großer Hoffnungsanker. Aber nunbin ich in der christlichen Welt geboren. Und ich bin von Herzen Christ.Auch der christliche Glaube ist eine großartige Religion. Diese Religionist vielen fremd und weithin unbekannt. Und es wird den Muslimen nichtleicht gemacht, die Schönheit und Tiefe der christlichen Religion zuerkennen. Die amerikanischen Soldaten im Irak werden als Besatzererlebt. Über bombardierte Orte in Afghanistan wird berichtet. Die Bildervon Abu Ghraib, die Gerüchte von Schändungen des Koran in Guantanamo,und jetzt die gemeinen und diffamierenden Karikaturen aus Dänemark!Die dänischen Karikaturen waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufengebracht hat. Und dieses Fass ist voll mit Demütigungen und Verletzungender islamischen Welt durch die christliche, die westliche Welt währendvieler Jahrhunderte:Die Kreuzzüge sind nicht vergessen, denn das Gedächtnis der Völker istlang, die demütigende Kolonialisierung, der Wirtschaftsimperialismus desWestens, der nicht an den Völkern, nur an ihrem Öl interessiert ist. Wiesoll man da als Muslim glauben, dass die christliche Religion viel Segenin die Welt gebracht hat!Viele Christen bedauern das zutiefst und schämen sich zwar nicht ihresGlaubens, aber dieser Geschichte.Ich träume davon, dass irgendwann Christen und Muslime eine "Charta desreligiösen Miteinanders" erarbeiten und durch ihre geistlichen Führeröffentlich feierlich unterzeichnen und dann den Mitgliedern zurUnterschrift vorlegen. Folgendes könnte die Selbstverpflichtungbeinhalten:."Wir wollen einander mit Respekt begegnen. Wir wollen die gegenseitigen Vorurteile im Gespräch abbauen. Wir wollen einander besser kennen lernen.Wir wollen den Glauben des andern respektieren.Wir wollen einmal jährlich gemeinsam feiern.Wir Christen bitten Gott, dass er uns um Jesu willen zu wahren Christenmacht.Wir Muslime bitten Gott, dass er uns durch den Koran zu wahren Muslimenmacht. Wir bitten gemeinsam um Geduld, wenn wir auf dem Weg zu einander hin nurlangsam vorankommen. Gelobt sei Gott."

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IV.2. Stellungnahme von Prof. Dr. Muhammad Kalisch

Jeannette Spenlen schickte mir diese Stellungnahme als PDF-Datei zu, und Muhammad Kalisch, der einzige muslimische Theologe an einer deutschen Universität, nämlich in Münster, (vgl. Homepage: www.uni-muenster.de/ReligioeseStudien)stimmte der Veröffentlichung im interrel. Rb. zu. Ich formatiere den Text hier in Word um, aber wer die Original-Datei haben möchte, kann sie gerne bei mir anfordern.


Stellungnahme zum gegenwärtigen Konflikt um die Karikaturen,
die den Propheten Muhammad abbilden
von Prof. Dr. Muhammad Kalisch

In den letzten Tagen ist mein Sekretariat mit Anfragen überhäuft worden, eine Stellungnahme zu den Ereignissen bezüglich der von der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlichten Karikaturen abzugeben. Mein Sekretariat bekommt stets Anfragen zu Stellungnahmen, wann immer in der Welt irgendetwas passiert, was den Islam und die Muslime stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückt. In der Regel antworte ich darauf nicht, weil ich einfach keine Zeit dazu habe. Speziell in diesem Fall habe ich aber auch deswegen nicht geantwortet, weil es mir kaum sinnvoll schien, in der meist sehr knappen Zeit, die einem von den Medien zur Verfügung gestellt wird, etwas wirklich Sachdienliches zu antworten.

Angesichts der Ausmaße, die diese Angelegenheit nun angenommen hat, möchte ich die Gelegenheit nutzen, zu diesem Problem und einigen weiteren Fragen, die mehr oder weniger auch damit zusammen hängen, eine etwas ausführlichere öffentliche Stellungnahme abzugeben, die meinen Standpunkt verdeutlichen soll. Ich hoffe, damit eine Reihe von Fragen zu beantworten, die mir gestellt werden und in der Vergangenheit gestellt worden sind. Ich spreche hier nur für mich selbst als ein muslimischer Theologe. Ich kann und will nicht den Anspruch erheben, „die Muslime“ zu vertreten. Es gibt mittlerweile in Deutschland Verbände, deren Verlautbarungen für sich beanspruchen können, größere Gruppen von Muslimen zu repräsentieren. Ich kann nur immer wieder darauf verweisen, dass wer ein Interesse daran hat, sich mit den Muslimen in der Bundesrepublik auseinanderzusetzen, sich auch mit diesen Verbänden in Verbindung setzen sollte. Diese repräsentieren zwar bei weitem nicht alle Muslime, aber doch eine nicht unbeträchtliche Anzahl.

Gegenwärtig wird die islamische Welt in Aufruhr versetzt durch den Abdruck von Karikaturen in einer dänischen Zeitung. Diese Karikaturen sind später von Zeitungen in anderen Ländern nachgedruckt worden. Ein Sturm der Entrüstung geht durch die islamische Welt und dieser Sturm der Entrüstung scheint von verschiedenen politischen Führungen gezielt angeheizt. Es ist auch zu gewaltsamen Protesten mit Angriffen auf Botschaften westlicher Länder gekommen. Soweit ich die Berichterstattung in den deutschen Medien verfolgen konnte, gab es zum Teil recht differenzierte Darstellungen, die deutlich machten, dass es auch friedliche Proteste gab, dass die gewalttätigen Proteste zumindest teilweise gesteuert waren und dass die Mehrheit der Muslime, gerade
auch in Europa, aber nicht nur dort, zwar verärgert ist, aber gar keine Protestaktionen unternimmt.

Die Darstellung des Propheten Muhammad wird im Islam meistens unterlassen und selbst dort, wo man ihn unbedingt darstellen wollte, tat man dies in der Regel ohne das Gesicht zu porträtieren. Der Islam hat eine generelle Abneigung gegen Personendarstellungen ausgebildet, die damit zusammenhängt, dass die Bilddarstellung als Götzendienst oder mindestens Einfallstor für den Götzendienst betrachtet wird. An Stelle der bildlichen Darstellung von Menschen trat im Islam als Kunstform die Kalligraphie. Koranverse, aber auch die kalligraphische Darstellung der Namen des Propheten, seiner Familie oder seiner Gefährten schmücken die Moscheen. Die Darstellung des Propheten wird also grundsätzlich abgelehnt, selbst zum Zwecke der positiven Darstellung. Die Beleidigung und Schmähung des Propheten aber wurde von den muslimischen Juristen als ein Straftatbestand betrachtet, der mit dem Tode bestraft werden muss, wobei dieser Straftatbestand auch auf Nichtmuslime, die auf islamischem Territorium lebten, angewendet wurde.

Für all diese Dinge gibt es keine direkte Grundlage im Koran. Allenfalls die Überlieferung vom Propheten bietet hier Grundlagen, auf die man sich stützen kann. Die Authentizität dieser Überlieferung aber war und ist umstritten, auch unter Muslimen, wenngleich im Laufe der historischen Entwicklung sich bei den Muslimen eher diejenigen durchgesetzt haben, die der Überlieferung recht großes Vertrauen zu schenken geneigt sind.

Unabhängig von diesen Fragen des islamischen Rechts aber gilt, dass der Prophet Muhammad in der islamischen Welt als das ideale menschliche Vorbild betrachtet und zu ihm eine tiefe Liebe und Verbundenheit empfunden wird. Wer diesen wichtigen Aspekt muslimischer Frömmigkeit verstehen will, dem sei Annemarie Schimmels hervorragendes Werk „Und Muhammad ist Sein Prophet - Die Verehrung des Propheten in der islamischen Frömmigkeit“ empfohlen. Die Beleidigung des Propheten war und ist für viele Muslime eine hochemotionale Angelegenheit. Hierdurch kann in einer freiheitlichen Gesellschaft ein Problem entstehen, das von muslimischer Seite theologisch aufgearbeitet werden muss. Es geht um das Spannungsfeld von Meinungsfreiheit und Ehrenschutz.

Es ist im Zusammenhang mit dem jetzigen Karikaturenstreit wie auch vielen anderen Konfliktfeldern zwischen dem Islam und den westlichen Gesellschaften sowohl von muslimischer wie von nichtmuslimischer Seite einiges an Selbstkritik und Lernprozess zu leisten. Das Problem liegt darin, dass es auf beiden Seiten Personen gibt, die nur einseitig ihre Position und Perspektive betrachten. Sie sehen nur die Fehler der anderen Seite, nicht aber die eigenen Fehler. Diese Denkweise muss zum Konflikt führen und ich habe leider den Eindruck, dass es auf beiden Seiten Kräfte gibt, die diesen Konflikt auch wollen.

Spätestens seit der Rushdie-Affäre weiß man in Europa, wie gekränkt Muslime auf
etwas reagieren, dass sie als Beleidigung des Propheten empfinden. Die Zeitung Jyllands-Posten hat dies gewusst. Aus der nicht gerade rühmlichen Vergangenheit dieses Blattes und seiner Rolle in der dänischen Gegenwartspolitik ist zu schließen, dass diese Zeitung genau das beabsichtigt hat, was nun passiert ist. Man wusste, dass viele Muslime so reagieren würden, wie sie nun reagieren und genau das war sicher auch beabsichtigt. Nun kann man sie vorführen als fanatische Irrationalisten, die eine Gefahr für die Meinungsfreiheit der westlichen Welt darstellen. Indem man dies tut, nämlich eine in der Tat irrationale und rein emotionale Ebene bei den Muslimen reizt, um diese zu irrationalen Handlungen zu verleiten, beabsichtigt man, bei den Nichtmuslimen genau diese Ebene ebenfalls zu aktivieren, die man den Muslimen - in diesem Fall völlig zu Recht ! - vorwirft, nämlich eine irrationale und rein emotionale Ebene, die sich nun bei Nichtmuslimen als Islamophobie, die keine kritischen Fragen oder Differenzierungen mehr kennt, äußert. Es geht um Hetze und die Ausschaltung von differenziertem Denken. Bei der bisherigen politischen Linie von Jyllands-Posten habe ich keine Bedenken, genau diese Strategie zu unterstellen.

Es haben insgesamt nur wenige Muslime gewaltbereit und fanatisch reagiert und es scheint vor allen Dingen so zu sein, dass so manche Regierung im Nahen Osten versucht, durch Anheizung des Themas von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Dennoch wird seit Tagen immer wieder vom „Kampf der Kulturen“ gesprochen und es wird davon geredet, wie zurückgeblieben der Islam doch sei, der das hohe Gut der Meinungsfreiheit nicht so zu schätzen wisse wie die aufgeklärten Europäer. Gerade die Konservativen singen dieses hohe Lied der Aufklärung. Es sind dieselben Konservativen, die es in ihrer Liebe zur Meinungsfreiheit und Toleranz nicht ertragen können, wenn Kindergärtnerinnen ein Kopftuch tragen, die das Zitat „Soldaten sind Mörder“ (halte ich zwar so absolut formuliert nicht für richtig, aber angesichts der Realität von Kriegen für nachvollziehbar) unbedingt strafrechtlich verfolgt wissen wollten, und die seit Jahren versuchen, den mittelalterlichen Gotteslästerungsparagraphen 166 StGB
noch zu verschärfen! Auch in der Bundesrepublik kann man nämlich mittels des § 166 StGB als Karikaturist zum Straftäter werden, wenn man sich z.B. das Christentum oder die Kirche als Objekt vornimmt.

Somit nun zum eigentlichen Kern des Problems im gegenwärtigen Streit. Wie soll eine Gesellschaft mit der Verletzung religiöser Gefühle umgehen? Wie soll das Spannungsverhältnis von Meinungsfreiheit und religiösen Empfindungen gelöst werden?

Ich muss gestehen, dass ich die emotionale Aufwallung vieler Muslime nicht verstehen kann. Ich finde die Karikaturen geschmacklos und sie sagen viel aus, über das mangelnde Niveau desjenigen, der sie gezeichnet und veröffentlicht hat. Aber warum sollte es mich treffen? Ich weiß, dass viele Menschen den Islam und die Muslime nicht mögen. Der Prophet Muhammad wird vielfach verunglimpft und selbst die Wörter „Mörder“ und „Kinderschänder“ werden immer wieder gerne im Zusammenhang mit ihm genannt. Was macht es für einen Unterschied, ob diese Leute ihren Hass für sich behalten, ihn aussprechen oder in Form von Karikaturen verbreiten? Ich weiß, dass der Prophet nicht so gewesen ist und ich weiß, dass der Islam anders ist, als viele Gegner des Islam (für manche von ihnen ist das Wort „Hassprediger“ durchaus angebracht) ihn darstellen, wenngleich ich mir der Tatsache bewusst bin, dass es natürlich auch Muslime gibt, die durchaus dem Bild entsprechen, das viele sich im Westen von den Muslimen machen. Der Islam ist eine Weltreligion mit unterschiedlichen theologischen und regionalen Ausprägungen wie alle anderen Religionen auch und wie in allen anderen Religionen gibt es auch im Islam gewaltbereite intolerante Fanatiker.

Diese Fehlvorstellungen vom Islam zu korrigieren, ist kaum möglich, wenn wir Muslime genau den Vorstellungen entsprechend reagieren, die sich andere über uns machen. Diejenigen, die den Islam verunglimpfen, weil sie es nicht besser wissen, wird man nur dadurch vom Gegenteil überzeugen, dass man einen anderen Islam vorlebt als den der radikalen und gewaltbereiten Fanatiker. Diejenigen, die falsche Vorstellungen über den Islam verbreiten und dies wissentlich und willentlich, also vorsätzlich, tun, wird man von ihrem Hass ohnehin nicht abbringen können.

Manche Muslime leben in der irrigen Vorstellung, dass solche Aktionen, wie sie derzeitig vorkommen, den Respekt vor dem Islam erhöhen würden. Das ist natürlich falsch und eine Verwechselung von Angst und Respekt. Die Nichtmuslime bekommen keinen Respekt vor uns, sondern Angst. Sie halten uns einfach für gemeingefährliche Irre und das kann man ihnen angesichts der Reaktionen mancher Muslime nicht einmal übel nehmen. Der Koran hingegen ermahnt uns, sich nicht auf das schlechte Niveau anderer herabzulassen:

„Die gute Tat und die schlechte Tat sind nicht gleich. Wehre mit einer besseren Tat ab, dann wird der, zwischen dem und dir Feindschaft herrscht, wie ein enger Freund“ (Sure 41, Vers 34)

Meines Erachtens zeigt uns alle historische Erfahrung, dass ein besonderer strafrechtlicher Schutz von Religion stets missbraucht wurde und im Übrigen mit der Freiheit der Meinungsäußerung und der Freiheit der Wissenschaft nicht zu vereinbaren ist. Ich bin daher auch für eine ersatzlose Streichung des § 166 StGB, der ein Relikt aus dem Mittelalter darstellt und einer Gesellschaft, die sich rühmt, den Prozess der Aufklärung durchgemacht zu haben, unwürdig ist. Wir Muslime sollten nicht versuchen, diesen Paragraphen nun auch für unsere religiösen Belange zu nutzen, obwohl sein Tatbestand hier erfüllt wäre, sondern wir sollten uns im Interesse der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit für seine Streichung engagieren.

Ein strafrechtlicher Schutz von Religion und religiösen Gefühlen ist schon deswegen unsinnig und abzulehnen, weil sich der Tatbestand niemals genau definieren lässt und dadurch automatisch immer in die Nähe von Willkür gelangt. Willkür aber ist für einen rechtsstaatlichen Juristen das schärfste Unwerturteil überhaupt. Diese Undefinierbarkeit des Tatbestandes ist die Folge der Tatsache, dass jeder Mensch eine unterschiedliche Wahrnehmung davon hat, wann er sich in seinen religiösen Gefühlen beleidigt fühlt. Bei religiösen und philosophischen Auffassungen kommt nun noch das Problem hinzu, dass das, was für den einen blanker Unsinn ist, für den anderen eine unumstößliche Wahrheit darstellen kann.

Darf die Evolutionstheorie nicht mehr gelehrt werden, weil sich Kreationisten dadurch beleidigt fühlen? Dürfen der Papst oder Ayatollah Khamenei nicht mehr kritisiert werden, weil ihnen blind ergebene Anhänger darin eine Beleidigung ihrer religiösen Gefühle sehen? Schon diese Beispiele zeigen, wie absurd der Schutz des religiösen Bekenntnisses durch das Strafrecht ist. Wo ist die Grenze und wer sollte sie ziehen? Sollen wirklich Rabbiner, Priester und Mullahs über die Grenzen der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit entscheiden dürfen? – Gott bewahre! Der § 166 StGB wird derzeit eng ausgelegt und vor allem die wissenschaftliche Kritik in sachlicher Form wird ausgenommen. Das alles aber ist lediglich Auslegung eines „Gummiparagraphen“, die auch anders ausfallen könnte und auch darüber, was wissenschaftliche Kritik in sachlicher Form ist, kann man sich streiten.

Wer den Papst für einen Verbrecher oder Muhammad für einen Mörder hält, der muss dies auch sagen dürfen. Wer eine Gesellschaft will, die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit anerkennt, der muss damit leben, dass es Menschen gibt, die seine weltanschaulichen Auffassungen nicht teilen und Dinge für Unsinn halten, die er selbst als Wahrheiten betrachtet. Wer dabei aufrichtig ist, der wird versuchen, die Gefühle anderer Menschen so wenig wie möglich zu verletzen. Ganz vermeiden wird man es kaum können, wenn man Dinge für falsch oder unsinnig hält, die anderen Menschen heilig sind. Man kann allerdings bei aller Kritik an inhaltlichen Fragen versuchen, dem Gegenüber zu verstehen zu geben, dass man ihn trotz dieser Kritik als Menschen in seiner Würde Ernst nimmt und sich bemühen, einen Weg für Kritik zu wählen, der möglichst wenig verletzt.

Wenn man weiß, dass Muslime eine bildliche Darstellung des Propheten als besonders verletzend empfinden, dann sollte jemand, der Kritik am Islam hat und sich in einem ehrlichen Dialog mit Muslimen über seine Kritik auseinandersetzen möchte sich fragen, ob er seine inhaltliche Kritik in gleicher Schärfe vielleicht nicht mit einem Mittel ausdrücken könnte, das sein Anliegen genauso klar zum Ausdruck bringt aber die Gegenseite weniger verletzt. Dies ist eine Frage des Anstands und des Stils.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass dabei auftretende Konflikte nicht mit dem Strafrecht gelöst werden können und dürfen. Im Spannungsfeld von Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit einerseits und Religion andererseits muss es eine absolute Freiheit der Meinung und der Wissenschaft geben, auch wenn dies religiöse Gefühle verletzen mag. Jeder Versuch, hier zu begrenzen, ist mit dem Wesen der eben genannten Grundfreiheiten nicht zu vereinbaren und alle historische Erfahrung zeigt, dass dabei nichts Gutes herauskommen kann.

Dennoch gibt es Grenzen. Diese Grenzen betreffen aber nicht das religiöse Bekenntnis von Personen, sondern ihre Personenwürde. Wenn die Anhänger irgendeines religiösen Bekenntnisses, seien es Juden, Christen, Muslime, Hindus, Bahais oder wer auch immer, in Karikaturen oder anderen Meinungsäußerungen so dargestellt werden, dass sie als eine bloße Masse erscheinen, der unterschiedslos ohne jegliche individuelle Differenzierung unbestritten als negativ begriffene Eigenschaften wie Lüge, Falschheit, Betrügerei oder gar Mordlust zugeschrieben werden, dann ist ohne Zweifel die Würde des Menschen verletzt und es liegt eine hetzende Darstellung vor. Ein Muslim oder Christ muss es hinnehmen, wenn seine Religion als mordlüstern, hinterwäldlerisch oder antidemokratisch bezeichnet wird, auch wenn dies Unsinn ist. Anderenfalls müssten Gerichte über das Wesen des Islam oder des Christentums entscheiden und könnte freie wissenschaftliche Forschung jederzeit unter Zensur gesetzt werden mit dem Argument, es werde eine Religion falsch dargestellt. Umgekehrt aber darf es nicht sein, dass ein Mensch, nur weil er einer bestimmten Religion zugehörig ist, automatisch unter Generalverdacht gestellt und mit den Attributen von Kriminellen versehen wird. Hier ist in der Tat ein energisches Vorgehen des Staates zu verlangen! Die Diskussion über den Islam oder irgendeine andere Religion kann nur als freie und tabulose Diskussion geführt werden, in der einzig die Argumente für die jeweils angeführten Behauptungen zählen. In einer solchen Diskussion werden völlig substanzlose Behauptungen schnell entlarvt. Die Freiheit der Meinung und der Wissenschaft wird hier dafür sorgen, dass Hetzer und Demagogen nicht die Oberhand gewinnen. Es wird viel Unsinn über den Islam geschrieben und es gibt sehr einseitige Darstellungen. Dem stehen aber auch sehr differenzierte und verteidigende Darstellungen gegenüber. Ich bin der festen Überzeugung, dass in einer Gesellschaft, die konsequent die Freiheit der Meinung und der Wissenschaft garantiert, sich auf Dauer immer ein differenziertes Bild einer Religion in der öffentlichen Diskussion ergibt und Darstellungen, die völlig einseitig und bewusst verzerrend sind, immer auf starke Kritik stoßen werden. Es gibt ohne Zweifel Darstellungen des Islam, deren Autoren bewusst Fakten einseitig auswählen
und die Dinge verzerren mit dem Ziel, zu hetzen. Daneben gibt es aber auch
Darstellungen des Islam, die eine Darstellung und Wertung von Fakten beinhaltet, die von einem Muslim nicht geteilt werden, ohne dass der Autor damit Hetze oder bewusste Verzerrung beabsichtigt. Weil sich aber diese beiden Fälle niemals gerichtlich sicher unterscheiden lassen könnten, muss zur Wahrung der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit in Kauf genommen werden, dass diese auch missbraucht werden kann. Die Anhänger einer jeden Religion müssen nun einmal bereit sein, sich auch harte Kritik an ihrer eigenen Religion anhören zu müssen.

Das einzelne Individuum oder eine Gruppe aber müssen auch strafrechtlich in ihrer Würde geschützt werden und dürfen nicht als Kriminelle oder Lügner dargestellt werden, nur weil sie einer bestimmten Religion angehören. Man mag den Islam als eine Religion des Terrors und der Gewalt bezeichnen, was er nicht ist. Eine solche substanzlose Behauptung muss dennoch aus den bereits ausgeführten Gründen im Rahmen der Meinungsfreiheit hingenommen werden. Einem konkreten Menschen oder einer Gruppe von Menschen aber ist grundsätzlich gesetzeskonformes Verhalten zu unterstellen und ein Gesetzesverstoß muss im Rahmen eines rechtsstaatlichen Verfahrens nachgewiesen werden. Dies ist eine Grundlage von Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechten und Pluralismus. Wer wirklich glaubt, dass alle Muslime, alle Juden oder alle Atheisten Verbrecher seien, der kann in dieser Auffassung nicht mehr von der Meinungsfreiheit geschützt werden, weil er die Grundlage, auf der die Meinungsfreiheit selbst beruht, nicht akzeptiert, nämlich die Würde des Menschen und die Vorstellung, dass Schuld immer individuell und nie kollektiv sein kann, mithin es also unsinnig ist, bestimmten Gruppen pauschal unmoralisches und ungesetzliches Verhalten
zu unterstellen. Das Menschenbild, auf dem Meinungsfreiheit und Demokratie beruhen, unterstellt zunächst einmal keinem einzelnen Menschen und keiner Menschengruppe pauschal böse Absichten oder gar böse Taten und betrachtet die Vorstellung, dass Angehörige einer bestimmten Volksgruppe oder Religion grundsätzlich böse seien als irrational.

Hier liegt meines Erachtens das wirkliche Problem. Es geht nicht mehr nur um Kritik am Islam. Diese ist, wie dargestellt, selbstverständlich legitim. Das Problem liegt darin, dass wir Muslime vielfach nur noch als eine einheitliche Masse gesehen werden, die ausnahmslos und undifferenziert mit negativen Attributen belegt wird. Der Islam und wir Muslime werden zu einem Feindbild aufgebaut mit Mitteln teilweise übelster Hetze. Es wird nicht mehr differenziert. Eine kleine Gruppe gewalttätiger Terroristen wird mit einer ganzen Religionsgemeinschaft identifiziert. Wir sollen uns ständig von Terror und Gewalt distanzieren, was unterstellt, es sei grundsätzlich zu vermuten, wir würden dies gutheißen. Gegen Muslime wird – leider auch mit Billigung durch Politiker dieses Landes, wie der „Muslimtest“ in Baden-Württemberg zeigt – ein Generalverdacht aufgebaut. Es herrscht eine aus meiner Sicht absurde Diskussion über das Kopftuch, die in der Praxis dazu führt, dass gerade emanzipierte Muslimas vom Berufsleben ausgeschlossen werden. Die konservativen Parteien machen durch ihre Politik
unmissverständlich deutlich, dass sie eine Ungleichbehandlung der Religionen befürworten, die meines Erachtens verfassungsrechtlich keinen Bestand haben kann. Dabei ist in letzter Zeit viel von jüdisch-christlichen Grundlagen des Abendlandes die Rede. Interessanterweise verstehen sich Muslime und Juden recht gut, wenn man mal vom Palästinakonflikt absieht, der aber ein politischer Konflikt ist. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum die Christen mit den Juden angeblich so gut klarkommen und mit uns Muslimen nicht, obwohl sich Juden und Muslime theologisch näher stehen als Juden und Christen, was bei jedem religiösen Trialog immer wieder deutlich wird.

Es bleibt aber nicht nur beim Verdacht. Faktisch haben Muslime in der Bundesrepublik anscheinend nicht mehr vollen Grundrechtsschutz. Wer als deutscher Staatsbürger in einem syrischen Folterkeller aufwacht, der bekommt, wenn er Muslim ist, keinen Besuch von deutschen Diplomaten, die sich für seine Freilassung einsetzen, sondern von deutschen Kriminalbeamten, die ihren syrischen Kollegen bei der Arbeit behilflich sind. Haydar Zammar ist vielleicht ein Verbrecher und gehört dann dementsprechend bestraft. Aber auch für ihn gelten die Unschuldsvermutung und die sonstigen Grundrechte. Das macht eben einen Rechtsstaat aus, der unter keinen Umständen Unrechtsstaaten bei menschenrechtswidrigen Handlungen Unterstützung leisten darf. Der Staat ist an das Recht gebunden. Der Bundesinnenminister Schäuble hat in letzter Zeit einige
besorgniserregende Äußerungen über sein Verhältnis zur Folter gemacht. Überhaupt wird immer wieder versucht, das Folterverbot zur Diskussion zu stellen. Selbst führende Grundgesetzkommentare leiten hier eine Wende ein, die noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Das Konzept des Feindstrafrechts taucht auf. So abstrakt die Diskussionen auch geführt werden, jeder weiß, dass alle diese Überlegungen in erster Linie gegen Muslime gerichtet sind. Deutschland ist dabei, in die amerikanischen Fußstapfen zu treten und das bedeutet, dass genau die politischen Ideale verraten und preisgegeben werden, für die angeblich gekämpft wird. Dann bleiben aber als Kern des westlichen Kampfes gegen den Terror eben doch nur die Sicherung der Rohstoffversorgung und die Wahrung des Wohlstandes der westlichen Welt.

Wenn man all die Äußerungen und Handlungen von Politikern zur Kenntnis nimmt, die uns Muslime stets zur Grundgesetztreue auffordern, dann wünscht man sich, dass diese Politiker es mit dem Grundgesetz genauso ernst meinen, wie sie es von uns immer fordern.

Ich bin ein Befürworter von religiösem Engagement in Politik und Gesellschaft, denn Religionen haben der Gesellschaft etwas Positives zu geben und sie sind in gesellschaftlichen und politischen Fragen eben nicht neutral. Die historische Erfahrung lehrt, dass Religion positive wie negative Einflüsse auf Gesellschaften ausüben kann. Die Gefahr von Machtmissbrauch und Verfolgung Andersdenkender durch Religionsgemeinschaften hat sich in der Vergangenheit wie in der Gegenwart immer realisiert. Diese Gefahr lässt sich nur dann bannen, wenn die verschiedenen Religionen in den einzelnen Gesellschaften an demokratische Regeln und Menschenrechtsstandards gebunden sind. Für den Islam bin ich als islamischer Theologe der Auffassung, dass diese demokratischen Regeln und Menschenrechtsstandards aus dem Islam selbst abgeleitet werden können, mithin ihre Einhaltung und damit die Selbstbeschränkung der Religion
Teil der Religion selbst ist. Die gegenwärtige Ideologie islamistischer Organisationen, die einen islamischen Staat anstreben und darunter eine islamische Gesinnungsdiktatur verstehen, betreiben eine Interpretation der Quellen, die sehr einseitig ist und vor allem die Vernunft außer Acht lässt. Die Vernunft aber war einmal im islamischen Denken wesentlich höher im Kurs als dies heute leider der Fall ist und darin liegt die Krise des islamischen Denkens begründet.

Mein muslimischer Lehrer, bei dem ich islamisches Recht und islamische Theologie
studiert habe, hat die ihm gestellte Frage, welche Grenzen es im Islam für die Vernunft gebe, ganz klar mit „Keine“ beantwortet. Ich teile seine Auffassung, bin mir aber auch bewusst, dass ich mit diesem extremen Rationalismus innerhalb der islamischen Theologie eine Minderheitenposition vertrete. Dennoch wird von allen Muslimen grundsätzlich die hohe Bedeutung der Vernunft anerkannt. Es gibt, soweit mir bekannt, keine heilige Schrift der Menschheit, in der so oft das Wort „Vernunft“ bzw. „von der Vernunft Gebrauch machen“ vorkommt wie im Koran.

Der heutige Islamismus identifiziert eine bestimmte theologische und juristische Auffassung mit dem Islam selbst. Dagegen ist solange nichts einzuwenden, solange das Rechte andere Auffassungen zu vertreten, nicht eingeschränkt wird. Es hat nie einen einheitlichen Islam gegeben, weder im Recht, noch in der Theologie. Es gibt im Islam keine Instanz, die für alle Muslime verbindlich ist. Der Koran sagt „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Sure 2, Vers 256) und die Mehrheit der muslimischen Theologen lehrt, dass Glaube nur dann gültig ist, wenn er durch persönliches Nachdenken verifiziert worden ist und nicht einfach aus Tradition blind übernommen wurde. Der aus meiner Sicht genialste islamische Denker des letzten Jahrhunderts, Muhammad Iqbal, hat dies einmal in einem Gedicht so formuliert (Übersetzung A. Schimmel):

Schlag mit der eignen Axt die eignen Pfade,
Denn Strafe ist´s, zu gehen auf Andrer Wegen.
Schafft deine Hand dann seltne Meisterwerke-
Wär´ es selbst Sünde, würd´ es dir zum Segen

Die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ist meines Erachtens eine essentielle Forderung des Islam selbst. Die islamische Geistesgeschichte hat mit den Mutaziliten, mit Avicenna, Averroes, Suhrawardi al-Maqtul oder den Mystikern genügend eigenes Potential, um mit den großen Herausforderungen, die an eine zeitgenössische moderne islamische Theologie gestellt werden, fertig zu werden. Was die Jurisprudenz angeht, so gibt es seit vielen Jahren eine erfreuliche Tendenz, neuere Wege zu gehen, wenngleich auch hier noch einiges zu tun ist. Was die Theologie angeht, so gibt es auch in diesem Bereich Herausforderungen, die eventuell für manchen konservativen Muslim schockierend sind, die aber dennoch mit Hilfe der Weiterentwicklung von Denkmodellen gelöst werden können, die schon vor vielen Jahrhunderten von Philosophen und Mystikern entwickelt wurden. Wenn die islamische Theologie nicht in einer Liga mit evangelikalen Erweckungspredigern spielen, sondern ernsthaft wissenschaftliche Theologie betreiben möchte, dann muss sie sich den Herausforderungen stellen, die die moderne wissenschaftliche Forschung zur Religionsgeschichte aufwirft. Alttestamentler und Archäologen wie Thomas Thompson, Philip Davies, Niels Peter Lemche oder Israel Finkelstein haben uns in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass wir Abraham, Moses und manche anderen biblischen und koranischen Gestalten aus der Liste der real existierenden historischen Personen streichen können. Solche Erkenntnisse fordern eine Weiterentwicklung der Hermeneutik des Koran, eine neue Beschäftigung mit dem Offenbarungsbegriff und neue Ansätze einer islamischen Theologie der Religionen. Hier kann man insbesondere auf Ansätzen der muslimischen Philosophen und Mystiker aufbauen.

Was die Geschichte des Islam angeht, muss ebenfalls kritisch gedacht werden. Das
erste und zweite Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung haben uns nur wenige
Quellen hinterlassen. Die Rekonstruktion der Geschichte der ersten beiden islamischen Jahrhunderte erfolgt hauptsächlich durch Quellen aus dem dritten und vierten Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung. Auch hier aber kann man auf eigene, innerislamische kritische Methoden im Umgang mit Überlieferung zurückgreifen, die es weiterzuentwickeln gilt.

Die islamische Welt steckt in einer tiefen Krise. Diese Krise ist zum Teil selbst verschuldet und kann nur überwunden werden, wenn in der islamischen Welt im islamischen Denken Veränderungen passieren. Wenn morgen die Vereinigten Staaten sich plötzlich völlig aus der Weltpolitik zurückziehen würden, würde das Chaos in der islamischen Welt nicht enden, denn die eigentlichen Ursachen der Krise liegen eben auch in der islamischen Welt selbst. Nur wenn die Muslime dies erkennen und nicht ständig die Verantwortung auf andere schieben, wird es ihnen gelingen, aus der Krise herauszukommen. Das islamische Denken braucht eine Erneuerung.

Tatsache ist aber auch, dass die USA diese Krise der islamischen Welt bis jetzt immer dazu genutzt haben, ihre Interessen auf Kosten der Menschen in der islamischen Welt durchzusetzen. Jede den USA freundlich gesonnenen Diktatur wurde und wird von den USA unterstützt. Saddam Hussein wurde von den USA unterstützt und niemand störte sich an seinen Menschenrechtsverletzungen, bis er sich gegen die USA wandte. Die Taliban, jene fanatische Gruppe, die geradezu zum Symbol einer islamistischen Unrechtsherrschaft geworden ist, hat in Afghanistan nur deshalb jemals die Macht übernehmen können, weil die USA sie aufgebaut haben. Wenn die USA heute über Saddam Hussein oder die Taliban richten, dann richten sie über ihre eigenen Kreaturen und damit über sich selbst!

Die USA sind eine Weltmacht mit widersprüchlichen Tendenzen. Nach innen betrachtet sind die USA ein Rechtsstaat, der bis jetzt immer wieder gezeigt hat, dass er über erstaunliche Selbstreinigungskräfte gegenüber Kräften verfügt, die dies ändern wollten. Es gibt viele Muslime, die in den USA leben und selbst viele Muslime, die gerne über die USA schimpfen, geben oft zu erkennen, dass sie eigentlich nicht ungern dort leben würden. An amerikanischen Universitäten lehren einige bedeutende muslimische Theologen. Man kann als ein radikaler Kritiker amerikanischer Politik, wie etwa Noam Chomsky, in Amerika leben. Die amerikanische Gesellschaft und das amerikanische Rechtssystem verfügen über einige Aspekte, die man nur als ausgesprochen positiv bewerten kann.

Diese freiheitliche und rechtsstaatliche amerikanische Gesellschaft baute aber auch
auf, auf der Vernichtung und Ausrottung ihrer Ureinwohner und war lange Zeit eine Sklavenhaltergesellschaft. Die Nachfahren der afrikanischen Sklaven und der indianischen Ureinwohner werden bis heute benachteiligt. In dieser amerikanischen Gesellschaft gibt es eine mächtige Gruppe christlicher Fundamentalisten, die mittlerweile auch mit an der Regierung sitzt und amerikanische Politik beeinflusst. Dies sind Leute, deren Obskurantismus sich von dem der Taliban nicht unterscheidet, wie in den letzten Monaten die Kreationismusdebatte noch einmal deutlich gemacht hat. Leute wie Pat Robertson, der öffentlich zur Ermordung eines ausländischen Staatschefs aufgerufen hat, dokumentieren, dass es sich dabei nicht um eine Gruppe harmloser Frömmler
handelt, sondern um gewaltbereite Fundamentalisten, die den Krieg als Mittel ihrer
Politik betrachten und auch innenpolitisch nehmen sie sich das Recht zur religiösen
Selbstjustiz, wie die Ermordung von Ärzten durch fundamentalistische Abtreibungsgegner zeigt. Die christlichen Fundamentalisten in den USA haben deutlich zu verstehen gegeben, dass sie die amerikanische Verfassung in ihrer jetzigen pluralistischen Offenheit ablehnen und ändern würden, wenn sie dazu in der Lage wären.

Die amerikanische Außenpolitik hat stets mit jeder Diktatur zusammengearbeitet,
wenn dies den wirtschaftlichen Interessen der USA diente. Sie nehmen sich das Recht heraus, unter Bruch des Völkerrechts jeden Staat anzugreifen, der ihnen missliebig ist und sie entziehen sich einer internationalen Strafjustiz. Es ist diese verlogene Doppelmoral, die die Muslime in aller Welt aufregt und den fundamentalistischen Verführern neue Anhänger zutreibt. Weil die USA und ihre Verbündeten Demokratie und Menschenrechte oft als Vorwand zu eigennützigen Aktionen missbrauchen, haben radikale Islamisten leichtes Spiel, Demokratie und Menschenrechte als westlichen Betrug zu brandmarken. Wer Demokratie und Menschenrechte als mit dem Islam vereinbar betrachtet, wird als verwestlicht betrachtet.

Doch die Mehrheit der Iraker wie auch der Muslime in aller Welt hat deutlich erklärt, dass sie sich über die Befreiung von der Diktatur Saddam Husseins freut und die Chance zu einem demokratischen Neuanfang begrüßt. Die Iraker und die Muslime in aller Welt sehen aber auch, worum es den USA wirklich geht und sie sehen, wie bereits der nächste Krieg gegen den Iran vorbereitet werden soll. Dass Ahmedinedschad ein Wirrkopf ist und das iranische Regime erhebliche Defizite an Menschenrechten und Demokratie aufzuweisen hat (allerdings weniger als ein so aufrichtiger Verbündeter des Westens wie Saudi-Arabien), soll hier überhaupt nicht bestritten werden. Vor ihm regierte Khatami, dessen Öffnungskurs und Annäherungsversuche von amerikanischer Seite überhaupt nicht gewürdigt wurden, was zwangsläufig die radikalen Kräfte stärken musste, die seit jeher die Auffassung vertreten haben, dass der Westen von der islamischen Welt nur die totale Unterwerfung akzeptiert und dass Öffnung daher sinnlos ist. Man kann sich in der Tat des Eindrucks nicht erwehren, dass dies tatsächlich so ist und dass die USA geradezu glücklich darüber sind, nun Ahmedinedschad an der Regierung im Iran zu sehen, der ihnen die Vorwände liefert, um militärisch eingreifen zu können.

Mir scheint, dass es auf beiden Seiten massive Kräfte gibt, die eine Konfrontation anstreben. Es gibt radikal-islamistische Kräfte, die unbedingt gegen den Westen kämpfen und ihre Vorstellung eines islamischen Staates verwirklichen wollen. Diese Kräfte sind undemokratisch und antipluralistisch. Sie propagieren eine islamische Gesinnungsdiktatur ohne demokratische Legitimation und Meinungsfreiheit und fordern unentwegt Verständnis für ihre Positionen, ohne sich Gedanken über die Sichtweise der Anderen zu machen. Umgekehrt gibt es auf westlicher Seite Kräfte, denen sehr daran gelegen ist, einen Unruheherd im Nahen Osten zu haben und denen nach dem Wegfall des Ostblocks das Feindbild Islam willkommen ist. Auch hier wird ganz selbstverständlich aus einer rein westlichen Perspektive argumentiert, ohne sich über die Sichtweise der Anderen Gedanken zu machen. Wenn westliche Politiker über westliche Interessen etwa in der Golfregion reden, dann wird dies ganz selbstverständlich und ohne jede Verwunderung hingenommen. Warum eigentlich? Man stelle sich einmal vor, der iranische Außenminister würde über iranische Interessen in der Nordsee reden! Jeder würde dies als absurd empfinden, doch die westlichen Interessen im Golf sind in Wirklichkeit nicht minder absurd. Hinter dieser simplen Redeweise steckt
eine Denkweise, die mit Selbstverständlichkeit davon ausgeht, dass der Wohlstand der westlichen Welt um jeden Preis gewahrt werden muss und darf. Es ist sozusagen westliches Öl, das bedauerlicherweise unter arabischem Sand liegt.

Es gibt aber auch auf westlicher wie islamischer Seite Politiker, Wissenschaftler, Journalisten, Geschäftsleute und vor allem große Bevölkerungsteile, die keinen Konflikt und erst recht keinen Krieg wollen. Der Kampf der Kulturen, scheint mir daher längst nicht zwangsläufig zu sein, auch wenn mancher das gerne so hätte.

Muhammad Kalisch

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IV.4. ZERG-Podiumsdiskussion „Gottes- und Prophetenbilder. Die Karikatur zwischen Meinungsfreiheit und Bilderverbot“ am 13.2.2006 in der Uni Bonn (ein Bericht von mir)

Raus aus dem akademischen Elfenbeinturm und rein in aktuelle gesellschaftliche Diskurse: Das scheint das Motto des Zentrums für Religion und Gesellschaft der Universität Bonn zu sein, welches kurz nach dem öffentlichen Workshop über Fundamentalismus nun zu einer Podiumsdiskussion über die Muhammad-Karikaturen einlud, die „zur Versachlichung der öffentlichen Debatte“ (vgl. Einladungsschreiben im Interrel. Rb. Nr. 144 – 4. Nachtrag) beitragen sollte.

Prof. Dr. Wolfram Kinzig, Kirchenhistoriker an der Uni Bonn und Sprecher des Vorstandes des ZERG, führt in das Thema mit einem historischen Abriss über Karikaturen christlicher Symbole, von Jesus als gekreuzigtem Esel aus der Antike bis zu Jesus mit Gasmaske von 1927 ein und erklärte, dass jede Karikatur nur im Zusammenhang mit einer konkreten historischen, sozialen und politischen Situation zu verstehen sei. So stellte er auch den umstrittenen Jylland Posten-Artikel in den Zusammenhang einer Kampagne eines Kinderbuchautors, für den erfolglos ein Zeichner gesucht wurde, der Muhammad abbilden sollte. Eine der Zeichnungen stellte nicht Muhammad, sondern diesen Autor dar.
Joachim Westhoff, Chef-Redakteur des Bonner General-Anzeigers, verteidigte die Pressefreiheit und forderte zugleich einen verantwortungsvollen Umgang mit dieser Freiheit. Pressefreiheit sei nicht nur das Recht der Journalisten, zu schreiben, was sie wollen, sondern der Menschen, sich umfassend und vielseitig informieren zu können. Er selber hatte eine der Zeichnungen, die Muhammad mit einer Bombe im Turban zeigte, im GA veröffentlicht, um über die Debatte zu informieren. In Leserbriefen wurde er deshalb selber der Verunglimpfung des Propheten beschuldigt, was er aber zurück wies, da es ihm nur darum gegangen sei, den Lesern so zu zeigen, worüber überhaupt diskutiert werde. Andere Leser hätten sehr fremdenfeindliche Leserbriefe geschrieben, die er aber nicht abdrucken ließ, da er seine Zeitung nicht zum Sprachrohr für Ausländerfeindlichkeit machen wollte.
Burkhard Mohr, Karikaturist u.a. für FAZ, GA, Das Parlament u.a., sagte, er selber kenne die Empfindlichkeit von Muslimen zu sehr, als dass er einen solchen Karikatur-Auftrag angenommen hätte. In Deutschland sei man eh viel vorsichtiger beim Karikieren als in Frankreich und England. In der Handlungsweise des dänischen Kollegen vermutet er Unwissenheit, verteidigte aber auch sein Recht dazu.
Dr. Bekim Agai, Islamwissenschaftler an der Uni Bonn, erklärte, dass es sich bei dem Streit weniger um ein rechtliches, als um ein moralisches Problem handele, das auf vielen Ebenen wirke. Ein unwissender oder provozieren wollender Karikaturist in Dänemark, eine große Empfindlichkeit der Muslime in Bezug auf Bilderverehrung und auf Verunglimpfung des Propheten, politische Interessen arabischer Staaten, Einseitigkeit der Berichterstattung über die angeblichen Massen auf den Straßen, sie so groß gar nicht gewesen seien, eine ganze Reihe von Demütigungen des muslimischen Selbstverständnisses durch die letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte, das alles habe zu diesem großen Konflikt geführt. Dabei betonte er, dass es immer kontextabhängig sei, ob etwas als Beleidigung aufgefasst werde oder nicht, je nachdem wer was wann und wo unter welchen Umständen und mit welcher Intention zu wem sage. Die Intention könne man aber manchmal nur durch ein klärendes Gespräch erkennen, zu dem es aber oft dann nicht mehr komme. Kaya Yana zum Beispiel dürfe sich viel mehr an Witzen über Muslime erlauben, als ein Nichtmuslim oder gar ein NPD-Mitglied.
Prof. Dr. Christian Hillgruber, Professor für Öffentliches Recht an der Uni Bonn, setzte die Diskussion auf ein juristisches Fundament, und sagte, dass nach deutschem Grundgesetz sowohl die Freiheit der Presse und Kunst, als auch der von Staat ungestörten Religionsausübung garantiert sei, nicht aber der Schutz vor Kritik durch Menschen, die andere Meinungen vertreten. Solange keine grobe Beleidigung vorliege, wobei das auch Abwägungssache sei, was darunter falle, dürfe sich der Staat in solche Diskurse nicht einmischen, sondern die Streitparteien müssten das unter sich ausmachen.
Die Diskussion moderierte Prof. Dr. Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Uni Bonn und Mitglied des ZERG. Sie verlief letztlich recht Harmonisch, da sich Meinungsverschiedenheiten nur auf Detailfragen erstreckten.
Das Publikum, das vorher sämtliche Jacken und Taschen an der Garderobe abgeben musste und zum Teil auf die Empore geschickt wurde, weil das Ordnungspersonal nicht gesehen hatte, dass auch unten noch Plätze frei waren, da viele Leute nicht durchgerückt, sondern an den Rändern sitzen geblieben waren, wogegen oben dann einige stehen mussten, war wohl interessiert, einige hätten es aber begrüßt, wenn die Diskussion zum Plenum hin geöffnet worden wäre. Dazu war die Zeit mit eineinhalb Stunden aber zu knapp. Als Kritikpunkt vernahm ich auch, dass kein Vertreter einer muslimischen Gemeinschaft auf dem Podium dabei war.
Soweit mein kurzer, selbstverständlich lückenhafter, aber hoffentlich im Wesentlichen korrekter Überblick rein aus dem Gedächtnis ca. 20 Stunden später geschrieben.
MAS

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IV.4. Ein paar ganz persönliche Gedanken von mir über die Verletzbarkeit religiöser Gefühle

Über die Verletzbarkeit religiöser Gefühle denke ich in letzter Zeit viel nach. Was mich persönlich anbelangt, so versuche ich das so zu handhaben, dass ich, wenn ich mich in meinen religiösen Gefühlen verletzt fühle, mir sage, der jenige hat nur die Bilder verletzt, die ich mir mache, aber nicht das Heilige selber. Ich glaube, Gott kann man überhaupt nicht beleidigen, sondern der ist erhaben über solche Dinge. Es sind m.E. eher die Menschen, die sich zu sehr an die Bilder klammern und von ihnen abhängig machen, die sie sich besser gar nicht machen sollten. Aber ohne Bilder, Vorstellungen, Konzepte, Konstrukte, oder wie man das nennen will, geht es ja auch nicht, auch wenn es immer wieder als Ideal gefordert wird. Ich erinnere mich daran, dass ich mal in den Bergen die Arme ausbreitete und betete, und ein Freund ganz pietätlos mir einen Schneeball in den Nacken warf. Ich war böse auf ihn, und empfand das als eine Missachtung Gottes. Heute denke ich da anders: Er hat mich verletzt, aber nicht Gott. Ich brauche die Verbindung durch das Gebet für meine Orientierung und Stabilität, Gott braucht sie nicht. Und er findet auch andere Wege in mein Herz, als gerade nur dieses eine Gebet, bei dem ich gestört wurde. Zudem wusste mein Freund auch gar nicht, dass ich da gerade gebetet habe. Wenn ich also aufpasse, Menschen nicht in ihren religiösen Gefühlen zu verletzen, dann tue ich das nicht wegen Gott, sondern wegen der Menschen, also nicht aus theologischen, sondern aus humanen Gründen. Und aus diesen Gründen möchte ich gar kein Gefühl eines Menschen verletzen, auch kein profanes. Wenn mir jemand z.B. erzählt, dass er so gerne Fußball guckt, dann bin ich vorsichtig damit zu sagen, dass mich Fußball gar nicht interessiert, sonder schätze ab, ob er das dann auch richtig auffasst und nicht als Angriff versteht. Immer aber kann man das nicht richtig machen, sondern Fehler passieren immer wieder. Deswegen sind wir Menschen auch immer wieder darauf angewiesen, dass andere uns verzeihen. Anders geht es nicht.
MAS

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V. Presseerklärung vom Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland zur Einbürgerung in Baden-Württemberg


Köln, 02.01.2006

Einbürgerung in Baden-Württemberg
Diskriminierender Umgang mit Muslimen

Das Land Baden-Württemberg hat eine neue Verwaltungsvorschrift erlassen, die am 01.01.2006 in Kraft trat und vorsieht, dass alle Einbürgerungsbewerber aus Staaten, die der OIC (Organisation Islamischer Staaten) angehören, eine Liste von Fragen beantworten sollen, die sich auf die Einstellung der Einbürgerungsbewerber zur Verfassungstreue und zu gesellschaftlichen Fragen beziehen.

Die Tatsache, dass ausdrücklich diese Fragen nur Muslimen – oder solchen, bei denen man auf Grund des Herkunftstaates vermutet, dass sie Muslime seien – gestellt werden sollen, ist ein Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz des Grundgesetzes.

Eine derartige Diskriminierung von Muslimen halten wir für äußerst besorgniserregend weil sie Generalverdacht schürt und Vertrauen zerstört.

Dies wird auch bereits in der öffentlichen Diskussion angemerkt; der Berliner Innensenator hält diese Fragen wegen der darin liegenden Diskriminierung und Stigmatisierung für absolut kontraproduktiv.

„In diesen Fragen spiegeln sich sämtliche landläufigen Vorurteile gegen Muslime wieder. Die hier lebenden Muslime, die sich um Integration und daraus folgend auch Einbürgerung bemühen, können dies nur als Schlag ins Gesicht empfinden“; sagte der Vorsitzende des Islamrates Ali Kizilkaya.

Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland
Osterather Str. 7
50739 Köln Tel:: 0221-17049015
Fax: 0221-17049013
islamrat@islamrat.de


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VI. Literaturhinweise

VI.1. 12. Band der Schriftenreihe „Bausteine der Mensching-Forschung“

(zugeschickt von Hamid Reza Youzefi via Yggdrasill-Liste)

Sehr geehrte Damen und Herren,
eben ist der 12. Band der Schriftenreihe "Bausteine zur Mensching-
Forschung" erschienen.

Silvia Kaweh: Integration oder Segregation. Religiöse Werte in
muslimischen Printmedien, Nordhausen 2006: ISBN 3-88309-340-8:

Die hier vorliegende Studie (Dissertationsschrift) analysiert
erstmalig mit Hilfe computerunterstützter textanalytischer Methoden
deutschsprachige, von muslimischen Organisationen herausgegebene
muslimische Zeitschriften und Bücher jenseits des Schulunterrichtes.

http://www.bautz.de/neuerscheinungen/3883093408.html


Mit freundlichen Grüßen
Hamid Reza Yousefi

Dr. Hamid Reza Yousefi

Universität Trier
Universitätsring 15
D-54296 Trier
Fachbereich I - Philosophie
Tel.: +49 (0) 651 201 2344 und +49 (0) 6511461784
http://www.bautz.de/interkulturell.shtml
http://www.bautz.de/bausteine.html
http://www.mensching.uni-trier.de/

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VI.2. Martin Kämpchen: Dialog der Kulturen. Eine interreligiöse Perspektive

(zugeschickt von Hamid Reza Youzefi via Yggdrasill-Liste)

Sehr geehrte Damen und Herren,
eben ist die Aufsatzsammlung des bekannten Religionsforschers Martin
Kämpchen erschienen. Das Buch kann direkt beim Verlag bestellt
werden:

bautz@bautz.de

Martin Kämpchen: Dialog der Kulturen. Eine interreligiöse
Perspektive, hrsg. von Hamid Reza Yousefi und Ina Braun, Nordhausen
2006: ISBN 3-88309-320-8, 450 Seite, gebunden.

Zum Inhalt:
Martin Kämpchen gehört zu den Persönlichkeiten unserer Zeit, die sich
engagiert für den Dialog der Kulturen und Religionen einsetzen. Er
pendelt seit zweiunddreißig Jahren zwischen Indien und Deutschland
und ist in beiden Kulturwelten zu Hause, so daß er gewissermaßen zu
einem Insider und Outsider beider Länder geworden ist. Die
vorliegende Aufsatzsammlung besteht aus sechs Abteilungen mit 41
Essays, die nicht nur in die Geisteswelt Indiens einführen, sondern
zugleich thematisieren, wie Indien sich selbst sieht und wie die Welt
Indien wahrnimmt. Diese Kapitel führen Schritt für Schritt in die
geistige Welt Indiens ein und setzen sie mit Europa und dem
Christentum in Beziehung. Zunächst erfahren wir über die geistigen
Werte des Hinduismus, die auch für europäische Christen eine
bedeutende Anregung sein können. Dann berichtet der Autor über die
Möglichkeiten des indischen Christentums, mit dem Hinduismus in einen
Dialog zu treten und sich gegenseitig zu befruchten. Eine der
Erfahrungen des Hinduismus, die Christen nutzten, ist die Lebensform
der Ashrams. Danach konfrontiert der Autor das indische Leben mit
Europa und erkundet, was es von Indien annehmen sollte, etwa vom
Gebetsleben der Hindus. Kämpchen stellt mehrere Persönlichkeiten vor,
die von Indien wie Europa aufgenommen und zwischen beiden vermittelt
haben. Abschließend erzählt er in mehreren Essays aus seinem Leben in
Indien mit Hindus, Christen und Ureinwohnern.
Martin Kämpchen schreibt aus der eigenen Erfahrung des indischen
Lebens. Die Mehrzahl der Essays ist verstreut in Zeitschriften und
Büchern erschienen sowie im Radio zu hören gewesen. Seine Leser sind
engagierte christliche Europäer, die vom "Reichtum der Anderen [...]
die eigenen Wurzeln" nähren möchten. Mit akademischen Wissen
ausgerüstet, bemüht sich Kämpchen jedoch Indien für den gebildeten
Laien faßlich darzustellen.

Beste Grüße
Hamid Reza Yousefi


Dr. Hamid Reza Yousefi

Universität Trier
Universitätsring 15
D-54296 Trier
Fachbereich I - Philosophie
Tel.: +49 (0) 651 201 2344 und +49 (0) 6511461784
http://www.bautz.de/interkulturell.shtml
http://www.bautz.de/bausteine.html
http://www.mensching.uni-trier.de/

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VI.3. Gereon Vogel. Blasphemie, Die Affäre Rushdie in religionswissenschaftlicher Sicht.

(zugeschickt von Gereon Vogel via Yggdrasill-Liste)

"Gereon Vogel. Blasphemie, Die Affäre Rushdie in religionswissenschaftlicher Sicht. Zugleich ein Beitrag zum Begriff der Religion. Frankfurt a.M. u. a. 1998: Peter Lang Verlag.

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VII. Off-Topic: Musikrezensionen von mir

Ich wollte in Anbetracht der Länge dieses Rundbriefes schon die Musikrezensionen diesmal weg lassen und nur einen Link setzen, aber ich bekomme immer wieder mal positive Rückmeldungen dazu und nach all den ernsten Themen soll die schöne Kunst auch zu ihrem Recht kommen:

VII.1. Konzertrezension: Dán am 20.01.2006 im Bungertshof in Königswinter-Oberdollendorf

Als ich erfuhr, dass Dán am 20. Januar im Bungertshof auftreten sollte, war ich traurig darüber, den Abend schon anders verplant zu haben. Mein Zug aus Würzburg sollte nämlich erst um 19.42 Uhr in Bonn ankommen, und da ich seit Dienstag ein Journalistenseminar besucht hatte, zu dem mich der Folker! geschickt hatte, wohl damit die Redaktion nicht mehr so viel Arbeit mit meinen Texten hat, wollte ich den Abend dann gemütlich zu Hause mit Petra verbringen, zumal ich am Samstag und Sonntag wieder auf eine Tagung wollte. Die Dozentin des besagten Seminars hätte mir diesen viel zu langen Satz vermutlich um die Ohren gehauen, aber dies ist ja auch keine Nachricht auf der Titelseite einer Tageszeitung, sondern eine Rezension in einem E-Post-Rundbrief, und da er laube ich mir einen etwas anderen Stil.

Nun habe ich aber eine sehr verständnisvolle Frau, und sie sagte, wenn mir das Konzert so wichtig sei, dann solle ich da ruhig hingehen. Und warum war es mir so wichtig? Nun, zwei der Musiker, nämlich Joergen W. Lang und Johannes Mayr, sind alte Freunde von mir. Mit ihnen und einigen anderen hatte ich 1991/92 meine ersten Session-Erlebnisse im Boulanger in Tübingen, und sehr oft sah und hörte ich die beiden seit dem nicht. Joergen war 2004 beim 3. Bonner Irish Folk Festival dabei mit seiner anderen Band Laundry List, Johannes, der ja jetzt im Westerwald wohnt, durfte ich auch ein paar mal mit Lynch the Box, Mensch Mayr oder Jostal hören, aber Dán kannte ich bisher nur aus dem Internet. So schmiss ich also meinen Koffer in die Wohung und startete durch zum Bungertshof.

Glücklicherweise hatten sie trotz meiner Verspätung gerade erst angefangen. Der Doppelsaal stand dem Konzert nur zur Hälfte zur Verfügung, da es generell recht spät angekündigt war und nicht mehr genug Leute erreicht werden konnten, mal abgesehen davon dass der Januar als der Monat der Versicherungs- und Abonnementrechnungen bei vielen eh nicht mehr viel Geld für Konzertbesuche übrig lassen dürfte. Soweit mein Präludium, aber ich will ja auch von der Musik erzählen.

Fetzige Reels waren das erste, was ich vernahm. Joergen mit seiner auf DADGAD gestimmten Gitarre (Joergen bat mich, nicht zu erwähnen, dass ... und das tue ich auch nicht), Johannes auf seinem riesigen Akkordeon (mein Platznachbar meinte: „Der Jackie Daly Deutschlands!“) und zwischen den beiden Franziska Urton, die ich noch nicht gekannt hatte, auf der Fiddle. Die Reels, Polkas und anderen schnellen Tunes steigerten sich im Laufe des Konzerts zu einer Komplexität und einem Variantenreichtum, die und der nicht nur mir bisweilen einen Schauer durch den Körper schickte. Franziska spiele einen recht harten und sehr punktierten Stil, der auch die kleinste der zahlreichen Verzierungen haargenau auf den Punkt brachte. Wenn ich nicht befürchten würde, ein schon von andern Schreibern benutztes Wortspiel zu benutzen, würde ich jetzt eines mit ihrem Nachnamen machen. Zwischendurch sang Joergen mit seiner expressiven Stimme Lieder aus Irland und Schottland, die die andern beiden bisweilen im Hintergrund begleiteten und die vom Auswandern, von der Liebe, vom Krieg und von den Vorteilen einer Frau, die einen guten Tee bereiten kann, handelten. Franzi meinte auf erdverbunden Münsterländisch dazu: „Schönheit vergeht, Hektar besteht.“ Und dann gab es auch langsame Tunes, wirklich traumhaft, mal die Geige in der ersten, das Akkordeon in der zweiten Stimme, dann umgekehrt, dann beide parallel, so dass kein Blatt mehr dazwischen passte. Einige der Melodien passten indes nicht in die pure irisch-schottische Stimmung, sondern waren von hier und da kontinentaleuropäisch beeinflust, so zum Beispiel das Stück mit dem ungarischen Titel “Nem Üzemel“, auf deutsch „Nicht benutzen“, zu dem es eine lustige Geschichte gibt, bei der ich aber empfehle, sie sich von Joergen persönlich erzählen zu lassen. Mir kam beim Hören des balkanischen Rhythmuses, den ich ja eh mag, sofort die Assoziation „Hölderlin Express“, die Independet-Folk-Band, die Joergen und Johannes dereinst mitbegründet haben und die derzeit eine hoffentlich kreative Pause einlegt. Und tatsächlich las ich dann im CD-Büchlein, dass das Stück aus der gemeinsamen HöEx-Zeit stammt. Äußerst hörenswert! Joergen spielte zwischendurch auch mal Lowwhistles und Johannes seinen noch riesigeren Kontrabass und sogar mal Klavier. Man mag sich einen mit dem gezupften Bass jazzig begleiteten Reel vorstellen, wenn man kann. Nun genug der Musikbeschreibung, denn etwas muss ich ja auch noch für die CD-Rezension in der Hinterhand behalten.

Mehr oder weniger nahtlos ging das Konzert in eine Session über, der sich außer den drei Abendsternen (das kommt dabei hereaus, wenn man „stars of the evening“ eindeutschen will) dreizehn andere Musiker aus Bonn und Umgebung zugesellten, darunter auch meine Wenigkeit. Auch dabei war Till, den ich auch schon in Tübingen kennen gelernt hatte, und der seine schon damals atemberaubende Whistleakrobatik noch weiter ausgebaut hatte. Er lebt jetzt in Köln und bat mich, nicht zu erwähnen, dass es auch dort ... ja, richtig, ich schweige wie ein Grab. Aber Johannes wollte durchaus eine Sache der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, nämlich dass er im Gegensatz zu dem, was eine Überschrift eines Artikels über ihn in einer Westerwälder Tageszeitung suggiert, nicht deshalb irische Musik mache, weil er Irland so sehr liebe, sondern weil diese Musik sein Lebensgefühl ausdrücke. Ich denke, das geht nicht nur ihm so, sondern z.B. auch ... mir. Im Gegensatz zu den meisten anderen hatte ich aber nicht nur Mühe, sondern es war nicht selten unmöglich, bei den schnellen und variationsreichen Tunes mitzuhalten. Nun, ich besuche auch viel zu selten Sessions, aber umso mehr genoss ich diese bis um ca. 2 Uhr nur noch die Häfte der Musiker da waren, und ich mich auch im Angsicht eines Seminars mit wenig Schlaf hinter und zweier vortragsreicher Symposiumstage vor mir zurückzog, nicht ohne Stolz, dass ein kleines Stücklein, das ich mir erdachte, gut angekommen war.

Besonders muss ich an dieser Stelle auch mal die Kellner loben, die sich erstens nicht aufdrängten, wenn das Glas leer war, aber schnell da waren, wenn man was wollte, und deren einer sich zweitens um 2 Uhr einfach dazu setzte und die Musik genoss. So müssen Kellner von Musikkneipen sein!

Die nächste mir bekannte Gelegenheit, Dán life zu hören, gibt es am 16.03.2006 im Buergerhaus Gieleroth bei Altenkirchen im Westerwald.

http://www.danmusic.de
http://www.bungertshof.de

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/01/konzertrezension-dn-am-20012006-im.html
http://tinyurl.com/8fmug


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VII.2. Konzertrezension: „Klang der Kulturen“ auf dem Symposium des Annemarie Schimmel-Forums am 21.01.2006 im Haus der Evangelischen Kirche in Bonn

Das soll nur eine kurze Bemerkung sein. Im Rahmen des Internationalen Symposiums „Islamisches Denken im Wandel und die Europäische Aufklärung“ des Annemarie Scuimmel-Forums gab es nicht nur Vorträge und Diskussionen, sondern auch ein kleines Konzert. Ich weiß es gerade nicht mehr ganz genau, aber ca. zehn Musiker aus dem Iran und der Türkei spielten auf Rahmentrommeln, anderen Trommeln, einem mit namentlich unbekannten Zupfinstrument, dessen Klangkörper aus zwei kürbisähnlichen Teilen bestand, einer Gitarre, einer Geige und der berühmten Flöte Ney klassische Musik aus eben diesen Ländern, mit Texten des berühmten Sufis Dschalaledin Rumi auf persisch, deutsch und auch englisch. Wenn man diese Musik hört, weiß man, wo die europäische mittelalterliche Musik ihre Inspiration her hatte. Die Gitarrenspielerin aber spielte Eigenkompistionen, die muslimische Texte mit einer klezmer- und gospelbeeinflussten Musik begleitete. Und der blinde Geiger bediente auch mal ein Klavier. Da ich diese Musik zwar mag, aber in ihr nicht so sehr zu Hause bin wie in der irischen und deutschen, lasse ich es mit diesem Textlein mal gut sein.

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/01/konzertrezension-klang-der-kulturen.html
http://tinyurl.com/bduwh



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VII.3. Konzertrezension: Lokal Heroes am 28.1.2006 in der Harmonie in Bonn-Endenich

Wie schon in der Rezension der neuen CD „Smash the Windows!“ angekündigt, fand am 28. Januar die CD-Releas-Party in der Harmonie statt. Und anders als in besagter Rezension behauptet, sind die Lokal Heroes keineswegs alle, auch nicht fast alle, Hobbymusiker, sondern das trifft nur auf zwei der Stamm- und einen Gastmusiker zu, nämlich auf Christoph Spix (immerhin der Frontsänger), Ralf Wolfgarten und Matthias Höhn. Alle anderen vier Stamm- und auch die zwei zusätzlichen Gastmusiker, die an diesem Abend auf der Bühne waren, verdienen also ihre Brötchen mit Musik, wenn auch nicht hauptsächlich bei den Lokal Heroes. Diese Unterscheidung ist nicht allen Bandmitgliedern gleich wichtig, aber ich möchte es korrekterweise doch nicht auf meiner Fehrleinschätzung beruhen lassen, und fordere alle Musiker auf, meine Rezensionen ihrer CDs und Konzerte kritisch zu lesen und mir Sachfehler mitzuteilen.

Die Plakate der Lokal Heroes, mit denen sie für das Konzert warben, enthielten noch die Stilbezeichnung „Irish Folk Rock“, doch hat die Änderung ihres Repertoires und ihrer Spielweise, auf das ich schon in früheren Rezensionen aufmersksam gemacht habe, nun auch ihren Niederschlag auf der Homepage gefunden: „Scandic-Celtic-Funky-Folk“. So wundert es nicht, dass das erste Stück des Abends „Music for a found Harmonium“ und auch das letzte vor der Zugabe „Üxi Kaksi“ dem skandinavisch inspirierten Repertoire entstammten. Und doch bilden die von Christoph rau und markant gesungenen irischen Songs in Pogues- und Dubliners-Manier die Basis, auf der alles andere aufbaut. Mike Haarman unterlegte die meisten Stücke mit seinem Schlagzeug unüberhörbar, Christoph spielte sein gefundenes Akkordeon, Kristap Grasis diverse Zupfinstrumente von Madoline und Ukulele bis E-Gitarre, Wendel Biskup seinen E-Bass, Liene Séjáne ihre Querflöte, als Gastmusiker waren Matthias Höhn mit diversen Flöten, Dudelsack und Akkordeon, Leons Séjáns mit Gitarre und Inga Meijere mit einem Saxophon dabei, aber – aufmerksame Leser werden es schon gemerkt haben – Hobby- und Stammmusiker Ralf Wolfgarten fehlte leider krankheitsbedingt. Das machte sich besonders bei dem „Flook Salad“ bemerkbar, als Liene alleine flötete und ihr der Flötenpartner fehlte. Sie bekam das schon hin, und die anderen waren ja nicht untätig, aber Flook nur mit Querflöte und ohne Tin Whistle ist eben nicht ganz vollständig. Nichtsdestotrotz groovte es ganz gewaltig, funkig, soulig, jazzig, vor allem wegen der rhythmischen Spielweise Lienes, Kristaps und Wendels. Kristaps meinte später, man dürfe natürlich nicht zu viel auf einmal ändern, sonst hänge man die Fans ab, und Ralf meinte noch später am Telefon, Christophs irsche und schottische Lieder bildeten das Rückrat, und er werde auch weiterhin englisch singen und sich nicht mit skandinavischen Sprachen versuchen, denn das sei schon mal in die Hose gegangen, und auch inselkeltische Tunes, also Reel, Jigs, Polkas usw. werden ebenso noch ausgebaut wie Stücke von rund um die Ostsee, aus der Bretagne und aus Galizien. Ich kann nur wiederholen, was ich bei der CD-Rezi geschrieben habe: Unsere Bonner Lokahelden haben sich in den letzten Jahren nach und nach mit Geduld, Hartnäckigkeit, Disziplin und vor allem unbändiger Spielfreude einen eigenen, unverwechselbaren Bandsound erarbeitet. Den Abschluss der Zugabe bildete wie eh und je – was sonst? - „Molly Malone“.

Der Saal der Harmonie war gut gefüllt. Leider gab es zu wenige Abstellmögliochkeiten für Gläser, und einmal kurz verlassene Stehplätze an den in die Wände eingebauten Glasabstellbänken wurden, eh man sich versah, von anderen Gästen eingenommen, und man konnte mit dem Glas in der Hand nicht mehr klatschen. Man tinkt dann schneller leer, aber ein neues Guinness zu holen müsste sich man durch die wippende, hüpfende und völlige begeisterte Menge zur Seitentheke kämpfen, da es an der Haupttheke keines gab. Nun, so trank man dann doch wieder weniger.

Am St. Patricks Day, also am 17.3.2006 werden sie im Bungertshof spielen, hoffentlich wieder mit Ralf dabei! Da dort weniger Leute rein passen als in die Harmonie, sollte man rechtzeitig reservieren.

http://www.lokalheroes.de/
www.lokalheroes.com
http://www.harmonie-bonn.de
Frühere Lokal Heroes Rezensionen von mir:
http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2000_12_01_folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen_archive.html
http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2004_02_01_folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen_archive.html
http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2005_01_01_folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen_archive.html
http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006_01_01_folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen_archive.html

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/01/konzertrezension-lokal-heroes-am.html
http://tinyurl.com/7wsr9

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VII.4. Konzertrezension: Battlefield Band am 1.2.2006 in der Brotfabrik in Bonn-Beuel

DI dada dideldideldidada DI dada dideldideldidada dadeldideldideldadel DI dada … Ja, ich gebe es zu, so sollte man keine Rezension beginnen, aber ich fand den Opener des Battlefield Band – Konzertes mal wieder so phantastisch, dass er mich nun als Ohrwurm begleitet. Mal wieder? Ja, 1991, also vor 15 Jahren hörte ich die BB zum ersten Mal, damals im Café Hahn in Koblenz, und Iain MacDonald begann damals mit DI dada dada dadadaDAAA di dadada DIII dada dadaDAAA ... auf der Querflöte, ein Stück namens „Farewell my love“, zu högen auf der LP/CD „New Spring“. Diesmal war es Mike Katz, der das mir namentlich nicht bekannte Stück auf der Low Whistle begann, von Anfang an druckvoll begleitet von Sean O’Donnal auf der DADGAD-Gitarre, und dann die Whistle gegen seine Highland Pipe tauschte, besagte Melodie auf selbiger fortsetzte und dann in einen Reel überging. Das fuhr tief in die Nervenbahnen und brachte sie in Wallung!

So ging es weiter, der Spannung wurde keine Chance zum Nachlassen gegeben, auch wenn die Lieder, die mal Sean, mal Alan Reid sang, etwas ruhiger waren. Sie handelten hauptsächlich von Emigration aus Schottland oder auch aus Irland nach Amerika, Australien oder sonst wo hin, unfreiwillig versteht sich, den Wunsch zur Rückkehr immer im Gepäck. Heute geht es Schotten und Iren ja besser, aber weltweit ist das Thema aktuell wie eh und je oder eher noch aktueller als eh und je, worauf Alan hinwies. Sie ist also politisch, die Schlachtfeldbande aus Schottland, daraus machen die Musiker keinen Hehl, verpacken aber ihr politisches Engangement in super gute Musik. Alan begleitete die Songs und Tunes meistens auf dem Keyboard, nur einmal auf einem Akkordeon. Er sang die schottischen, Sean, der aus Nord-Irland stammt, die irischen Lieder, darunter auch „By the hush“, das auch den Namen „The emigrant“ trage, also nun der dritte Name des selben Stücks, das auch als „Paddy’s lamentation“ bekannt ist. Anfangs hatte Sean etwas Probleme mit seiner Stimme, da er „einen Kuli verschluckt“ hatte, aber am Schluss sang er einen Popsong mit Höhen, die männlichen Stimmbändern eigentlich sehr unangenehm sein dürften.

Die Schlachtfeldbande besteht aber aus vier Männern, und Alasdair White von der Isle of Lewis (dem Jubel zufolge war das halbe Publikum schon mal auf dieser letzten schottischen Insel vor Neufundland) bediente zwei Geigen und eine sehr dicke Bouzouki und eimal auch eine Higland Pipe. Wenn er seine Fiddle unisono parallel zu Mikes Highland Pipe spielte, hörte man sie kaum, wenn er aber eine zweite Stimme spielte oder Variationen des Themas oder eben solo, dass fand ich sein Spiel das Faszinierenste des Abends, egal ob bei langsamen oder rasend schnellen Stücken, der Bogen tanzte über die Saiten und verlor dabei so manches Haar. Dabei sind die schottischen Tunes ja meistens etwas härter und kräftiger als die irischen, und wenn er die Taktbetonung im vergleich zur Pipe etwas versetzte, dahinter die Gitarre und das Keyboard, und das zum Beispiel in einem Set, der mit langsamen, dann schneller werdenden Strathpeys begann und in Reels überging, dann vibrierten nicht nur die Gehörknöchelchen, sondern das ganze Publikum. Einige wagten es dann auch zu tanzen, denn es war etwas Platz zwischen der vordersten Stuhlreihe es fast restos besetzten Konzertsaales und der Bühne.

Mike Kamps Artikel über die BB im aktuellen Folker! 01-06 zufolge, war die Battlefield Band die erste, die die Highand Pipe in den 1970ern aus den militärischen Pipes&Drums-Formationen heraus nahm und in die Folkmusik integrierte. Dass dies nicht die ursprüngliche Bestimmung dieses Instruments war, hörte man LAUT UND DEUTLICH. Eines Mikrophons hätte die Pipe nun wirklich nicht mehr bedurft. Und trotzdem passte es, und Mike Katz zeigte, dass man darauf genau so schnell spielen kann, wie man es sonst eher von Uilleann Pipern gewohnt ist.

30 Jahre hat die BB nun schon auf dem Buckel, aber nur Alan ist als Gründungsmitglied noch dabei, so dass ich ihn auch 1991 in Koblenz und 1992 in Sulz am Neckar hörte. Mike Katz hörte ich auch 2000 beim Scottish Folk Festival im Brückenforum, Sean und Alasdair waren mir neu. Und diese Spannung von langer Bandgeschichte und ständiger Erneuerung durch Fluktuation scheint dieser Band nicht schlecht zu bekommen. Auch die Neuen passen sich in den Bandsound hinein, es hört sich auch durch die Jahrzehnte kontinuierlich an, und wirkt doch wie eine junge Band. Ich hatte es ja in Erinnerung, 1991 den Brian MacNeill noch dabei gehört zu haben, aber er verließ die BB schon 1990 wie Mike Kamp es schrieb und Alan Reid es bestätigte. Alan half meinem Gedächtnis nach und da kam es mir, dass ich Brian auch um 1991 herum ebenfalls im Café Hahn zusammen mit Tom McDonagh gehört und die beiden Konzerte in der Erinnerung zusammen geschmissen hatte. Dies war nun auch mein erstes BB-Konzert ohne John McCusker, der fast bei jedem Stück ein anderes Instrument gespielt hatte. Aber wie gesagt, die Fluktuation schadet der Band nicht, sondern es gilt nach wie vor „Forward with Scotland’s Past“.

Eine Rezension der neuen CD „The Road of Tears“ folgt demnächst.

Vielleicht noch das: Brotfabrik-Programmchef Jürgen Becker sagte mir, dass Bonn wohl eine Ausnahmestadt sei, was Folkkonzerte anbelangt. Statt der gewohnten etwa 40 Termine, hatte die Battlefield Band in diesem Jahr nur etwa 20, und hatte z.B. in Köln keinen Auftrittsort gefunden. Aber die Konzerte in der Brotfabrik seien generell gut besucht. Das liegt sicher nicht nur an dem leckeren Baltikabier, das man sich in der Pause an der Theke holen kann, und die gute Akustik und auch, dass man dank der Stufung niemanden so richtig vor der Nase sitzten hat, erklärt es auch nicht alleine. Irgendwie scheinen wir Bonner und Rhein-Sieg-Kreisler ein besonders folkiges Völkchen zu sein. Und das soll auch so bleiben!


http://www.folker.de/200601/02battlefieldband.htm
http://www.battlefieldband.co.uk/
http://www.templerecords.co.uk/
http://www.magnetic-music.de
http://www.brotfabrik-bonn.de/

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/konzertrezension-battlefield-band-am.html
http://tinyurl.com/8jxnl

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VII.5. Konzertrezension: Le Clou am 3.2.2006 in Bungertshof in Königswinter-Oberdollendorf

Le Clou wird in diesem Jahr 30. Deshalb habe ich Michel David, Yves Gueit und Johannes Epremian im letzten Herbst interviewt und aus dem Interview und einigen sonstigen Infos einen Artikel gemacht, der im Folker! 02.06 erscheinen wird. Aber obwohl ich in den letzten cirka zehn Jahren schon einige ihrer Konzerte gehört habe, habe ich noch nie eine Konzertrezension darüber geschrieben, so dass ich das nun hier endlich mal tue:

Johannes Epremian (Geige, Gitarren, E-Gitarre, Gesang), Michel David (Gesang, Gitarre, Waschbrett) und Yves Gueit (diatonische Akkordeons, diverse Flöten, dabei auch eine Okkarina, Oboe, Saxophon, Klarinette) standen aus Zuschauerperspektive von links nach rechts auf der Bühne im restlos gefüllten Bungersthof, hinter ihnen auch von links nach rechts Gero Gelert (E-Bass) und Ralf Schläger (Schlagzeug, was zum Namen passt), wobei letzterer natürlich saß. In der Anordnung stehen und sitzen sie anscheinend immer, was in die quirlige Musik einen Hauch von Ordnung bringt. Fans wissen, was sie erwartet, ihre Musik weist durch die Jahre eine hohe Kontinuität auf, auch neue Stücke passen sich ein in ihren Stil, und neue Stücke gibt es immer wieder, Eigenkompositionen überwiegen gegenüber Traditionals. Doch was ist das für eine Musik, mit der sie seit drei Jahrzehnten erfolgreich in Deutschland touren und von der sie auch leben können? „Cajun Swamp Groove“ nennen sie sie, oder „altmodische Tanzmusik aus dem Mississippi-Delta“.

Na, was heißt schon altmodisch? Johannes legte sofort mit seiner Geige los, schnell, rhythmisch, mehr deftig als verziert, aber äußerst mitreißend. Michel sang ein Lied nach dem anderen, auf Französisch, seiner Muttersprache, die ich leider nur ganz wenig verstehe, und sein Gesang bot einen scharfen Kontrast zur Rhythmik der Instrumente, auch seiner Gitarre oder seines Waschbretts, denn er bestand hauptsächlich auch sehr lang gezogenen Vokalen, na nicht nur, es gab auch schnelle Sätze, aber immer wieder diese lange Os und As und Es. Dann das Akkordeon von Yves, ähnlich dem Gesang, mal schnell, mal lang gezogen. Und so wogte es zwei Stunden lang durch den Raum, immer mitgetragen von E-Bass und Schlagzeug, meistens im 2/4-Takt des Two Step, aber auch mal im 3/4 oder 4/4. Allmählich gingen auch die Gespräche derjenigen Gäste, die Musik mehr zur Begeleitung ihrer Unterhaltung mögen, in Rhythmus über. Das war wirklich interessant, wie die Musik nach und nach die Aufmerksamkeit auch der Leute an den hintersten Tischen, wo auch wir saßen, eroberte. Es gibt Musik, da schwindet die Aufmerksamkeit, und es gibt Musik, da steigt die Aufmerksamkeit, und dazu gehört die von Le Clou. Da lag nicht nur daran, dass die Lautsprecher im hinteren Saalabschnitt nicht von anfang an optimal eingestellt waren, auch nicht nur daran, dass Johannes mit seiner Geige auf die Tische stieg und so auch nach hinten kam, obwohl das schon Eindruck machte. Das macht er übrigens gerne, und bei einer solchen Gelegenheit entstand auch das auf unserer Startseite unseres Internetportals für Folk- und Weltmusik in Bonn und Umgebung zu sehende Foto, ja jetzt habe ich es offiziell verraten: es ist Johannes Epremian, der Teufelsgeiger von Le Clou, der dienstältesten Bonner Folkband.

Der Two Step ist der Reel der Cajuns, eine Verballhorunung von „Arcadiens“, der französischsprachigen Einwanderer in Louisiana, die von den Engländern aus Arcadien in Ostkanada vertrieben worden waren, doch Cajun-Musik hat noch mehr Einflüsse aufgenommen, vom kreolischen Zydeco, vom Blues, vom Jazz, vom Dixieland, von der Country & Western Music, von den Volksmusiken irischer, schottischer, deutscher und anderer Zuwanderer, und das hört man auch bei Le Clou heraus. Wenn Johannes seine 1937er Metallgitarre bedient wird es bisweilen westernartig, wenn Yves seine Flöten spielt wird es französisch, bretonisch, beim Saxophon jazzig, bei der Klarinette dixieländlich. Johannes erzählte zwischendurch wieder lustige Geschichten zum Beispiel von vom Moonshine Whiskey aufgedunsenen Polizisten, Michel machte Grimassen, die bestens in ein Asterixheft passen würden, Yves schaute wie ein Walross über seinen Schurbart, als könne ihn nichts erschüttern, dann spielt er auch mal zwei Blockflöten gleichzeitig oder eine nepalesische Bambusflöte mit mehr Löchern als ein Mensch Finger hat. Mein Liebelingsstück spielten sie erst bei der Zugabe: „La robe à Tante Dolly“, ein Two Step der klassischen Art. Man mag es kaum glauben, dass ein Land, das eigentlich hauptsächlich aus träge dahin fließenden Flussarmen besteht, eine solche Musik hervor gebracht hat. Vielleicht ist das aber auch gar kein Gegensatz, denn Flüsse steigen manchmal über die Ufer wie Johannes auf die Tische, die wirken friedlich, aber haben eine enorme Kraft, sie schleppen eine Menge Treibgut heran und wieder hinweg, sie sind immer in Bewegung, alles fließt. Am Schluss saß niemand mehr, außer Ralf am Schlagzeug. Wenn das altmodisch ist, bin ich gerne altmodisch.

Von meinen Bekannten aus der Bonner Folk-Szene sah ich niemanden im Publikum, aber es wird am 31.3.2006 in der Harmonie wieder die Gelegenheit geben, und im Laufe des Jahres beim Beuler Rheinuferfest und im Sommer im Biergarten des Parkrestaurants Rheinaue, wo auch besagtes Foto entstand. Johannes spielt eigentlich lieber auswärts, wo ihn niemand kennt, als müsste er sich schämen dafür, dass er so gerne auf die Tische steigt. Ob für ihn in der Harmonie extra Tische aufgestellt werden? Warten wir es ab! Zwischenzeit könnt Ihr den im März neuen Folker! kaufen und dort nachlesen, was Ihr schon immer über Le Clou wissen wolltet und Euch nie getraut habt zu fragen: Wie die Band enstanden ist, wie sie zu ihrem Namen kam, wer daran Schuld ist, dass sie überhaupt Cajun spielen, denn das war nicht immer so, was die magische Drei bedeutet, warum sie nicht so gerne in Frankreich spielen, was die Cajuns in Louisiana von Le Clou und was die drei Frontmänner von ihrem Publikum halten.

http://www.leclou.com
http://www.bungertshof.de
http://www.folker.de

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/konzertrezension-le-clou-am-322006-in.html
bzw.
http://tinyurl.com/7zgux

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VII.6. Konzertrezension: Sahara am 11.2.2006 in der Harmonie in Bonn-Endenich

Sahara gehört auch wie Le Clou zu den Gruppen, die ich schon oft gehört, über die ich aber noch nie eine Rezension geschrieben habe. Und wie Le Clou und die Lokal Heroes gehört Sahara seit Jahren zum festen Bestandteil der Konzerte im Parkrestaurant Rheinaue und spielen auch oft in der Harmonie, wo ich sie diesmal hörte. Jetzt fehlt nur noch, dass sie auch im Bungertshof auftreten, dann wäre das noch eine Gemeinsamkeit, von denen es tatsächlich noch ein paar gibt, sogar in musikalischer Hinsicht, auch wenn man das auf den ersten Blick bzw. Klang nicht glauben mag.

„Sahara“, das klingt nach Wüste, nach Nordafrika, und da kommt auch die Musik her, sowie zwei der Musiker, nämlich der marokkanische Hauptsänger und Keyboardspieler Ibrahim Hnine und der ägyptische Darabukatrommler Moustafa Osh. Die andern drei Musiker sind Deutsche, nämlich Carol Knauber mit seinen diversen E-Gitarren und einer mit wunderschönen Intarsien versehenen Laute, der E-Bassist Hans Greuel und der Schlagzeuger Andreas Pietralczyk. Carol und Hans sind Besuchern des Bonner Folktreffs eventuell noch durch ihre Zupfinstrument-Kammermusik-Formation String Attack bekannt, wobei ich mit „Kammermusik“ nicht Abwertendes meine, sondern die Filigranität ihrer Spielweise unterstreichen möchte. Sahara aber spielt Raϊ (für den Fall, dass ein Programm das Sonderzeichen falsch wiedergibt: das i hat zwei Punkte; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Ra%C3%AF), eigentlich eine Popmusik, die vor allem im Maghreb und in Frankreich verbreitet ist, und deren zumindest für mich bekanntester Vertreter Khaled (vgl. http://www.folker.de/200501/02khaled.htm und http://de.wikipedia.org/wiki/Cheb_Khaled) ist. Die Sahara-Musiker aber nennen es nicht „Pop-“, sondern „Weltmusik“, und das nicht nur, damit ich einen Grund habe, diese Rezension zu schreiben.

Ibrahims Stimme transportierte arabische und französische Texte, die wohl kaum jemand aus dem altersmäßig sehr durchmischten Publikum verstand, auch ich nicht, obwohl ich beide Sprachen mal lernte, aber es waren auch nicht die Texte, die faszinierten und schon vor der Pause einige Zuhörer auf die Tanzfläche lockten, sondern diese Mischung aus langen Tönen aus Ibrahims Keyboard und Mund und der ansonsten mehr rhythmischen Spielweise der anderen, insofern eine ähnliche Konstellation wie bei Le Clou. Welche Bestanteile dieser Musik traditionell waren, weiß ich nicht, sicher die arabesken Schnörkel bei Ibrahims Gesang und Moustafas Tamburaspiel, ansonsten war es eine hochmoderne Musik, die sich zahlreicher Provenienzen bediente, so auch nord- und südamerikanischer, ja Reaggaerhythmen konnte man ohne Zweifel bei einigen Lieder ausmachen, und Carols E-Gitarrenspiel erinnerte meine Frau mal an Jimmy Hendrix, mal an Carlos Santana, was ich ihr einfach mal so glaube, während ich diese beiden Berühmtheiten mehr dem Namen nach kenne. Mich erinnerte sein E-Gitarrenspiel und auch wie er da stand an der aus Bühnenperspektive gesehen linkern vorderen Ecke mit seiner Sonnenbrille an Kristap Grasis, der mit den Lokal Heroes noch zwei Wochen zuvor genau an der gleichen Stelle stand und spielte. Carol und Hans entlockten ihren Zupfinstumenten auch einen funkigen Sound, der dem der Lokal Heroes in nichts nachstand, eher sogar noch ein wenig funkiger war. Und Alexander unterstütze das Ganze mit seinem Schlagzeug kräftig. Die meisten Stücke waren noch gecovert von diesem oder jenem aus den Raϊ-Carts, aber Moustafa und Carol hatten auch Selbstkomponiertes dabei. Meine Lieblingsstücke von Sahara heißen „N’ssi, n’ssi“ und „Harba“, wobei ich nicht weiß, was das auf Deutsch heißt, das erste in etwa „Gemach, gemach“, das zweite soll ein algerischer Dialekt sein, den auch Moustafa mir nicht übersetzten konnte. Ganz am Schluss der Zugabe spielten sie das auch westeuropäischen Radiohörern bekannte „Aisha“ von Khaled.

Man merkt wohl, dass ich in dieser Musik nicht so zu Hause bin, aber dass sie mir gefällt. Der nächste mir bekannte und erreichbare Sahara-Gig wird am 29.4.2006 in Siegburg im Kubana (vgl. http://www.kubana.de/kubana/) leider zeitgleich mit dem 5. Bonner Irish Fok Festival in der Harmonie.

Der Saal war dieses Mal übrigens bestuhlt und betischt, so dass ich keine Probleme hatte, mein Bier abzustellen, und auch keines, ein neues zu bestellen, denn es wurde an den Tischen flott bedient. Mir fiel auch erstmals auf, dass sie Kölsch (Sion) halbliterweise ausschenken, nichts für Reagenzglasfanatiker, sorry, Kölschstangenliebhaber, aber ich finde es praktisch!

http://www.oshmusic.com/osh.htm
http://www.carolknauber.de/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=57
http://www.harmonie-bonn.de/

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/konzertrezension-sahara-am-1122006-in.html
http://tinyurl.com/8qfzs


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VII.7. Konzertrezension: Angelo Branduardi: Die Laude des Heiligen Franziskus am 16.2.2006 im Brückenforum in Bonn-Beuel


Dies ist nun ein für mich etwas ungewohntes Rezensionsobjekt: eine Laude. Dass eine Laude ein Lob ist, weiß man ja als alter Lateiner, dass im katholischen Bereich Loblieder als „laudes“ bezeichnet auch. Aber was es nun mit dieser Laude auf sich hatte, erfuhr ich erst zu Beginn der Veranstaltung selbst, zu der ich weniger der Laude wegen, als wegen Maestro troubadouriensis Angelo Branduardi selber, den ich vor einigen Jahren schon mal am selben Ort erleben, und über dessen heurigen Auftritt ich nun eine Rezension schreiben durfte.

Eine Laude also ist ein musikalisches Theater, wie es im Italien des 13. Jahrhunderts in der Franziskanischen Frömmigkeitsbewegung aufkam und in welcher in unterhaltsamer Form religiöse Inhalte dem Volke vermittelt wurden. Und eine solche bot nun Angelo Branduardi dem Volke vom Bonn zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wobei er alte und neue Formen der Darbietung meisterhaft miteinander verband. Zunächst sah man auf der Bühne noch eine Bühne, und zwar ein Holzgestell mit Treppen, Rampen und Plattformen, so wie sie damals im mittelalterlichen Italien für die Lauden üblich waren, aber links und rechts auf zwei Leinwänden konnte man wie in einem Filmabspann dann lesen, worum es ging. Angelo stand da mit einer E-Geige, spielte ein wenig, Tänzer und Tänzerinnen erschienen auf der Bühne, zunächst wusste ich das nicht so richtig einzuordnen. Außer Angelo spielten noch drei Musiker mit: Davide Ragazzoni auf Schlagzeug und anderen Percussionsinstumenten wie Gong und E-Trommel hinter einer Glaswand etwas versteckt, Giovanni Vianelli auf Keyboard und später auch mal Akkordeon und Stefano Olivato auf einem E-Kontrabass. Da war also viel Elektronik im Spiel, trotz aller Mittelalterlichkeit. Die Melodien hörten sich großenteils auch nicht mittelalterlich an, sondern waren in dem für Angelo so typischen postmodernen Stil zwischen kräftigen Rhythmen, Sphärenklängen und Volkslied. Angelo überraschte mich dann mit einem besonderen Instrument, mit einem wunderbar vollen Klang, einer Gitarre, die oberhalb des Griffes noch einen Bogen hatte, an dem wie an einer Harfe oder einer Leiser weitere Saiten befestigt waren: eine Harfengitarre, wie er am Schluss erklärte, die um 1820 in Italien erfunden und dann vor allem von Serenadensängern unter den Fenstern ihrer Liebsten benutzt wurde. Diese Liebsten beantworteten die Serenaden aber nicht selten mit einem Wasserschwall, so dass Harfengitarren meist nur wenige Jahre überlebten. Das zumindest erzählte der Meistertroubadour dem staunenden Publikum, so wie Gigi in „Momo“ den Touristen allerhand zu erzählen pflegt.

Aber zurück zur Laude: Allmählich entwickelte sich aus Musik und Tanz eine Handlung, die der Maestro auf deutsch ein wenig erklärte. Es war im Endeffekt die Lebensgeschichte des Heiligen Franziskus von Assisi, nicht unbedingt ganz historisch, dafür um so legendärer. Von der Gründung des Franziskanerordens nebst des Clarissinnenordnes über die ersten Missionsreisen in Italien, Spanien und Marokko, die Reise zum Sultan während des 5. Kreuzzuges und zahlreiche Wundertaten bis zur endgültigen Heimkehr im Tode. Angelo erklärte und sang einiges auf Deutsch, Daniel Cafer spielte den Franziskus, Jessica Higgins die Clara und Andreas Thele Franzens engsten Gefährten Bernardo, wobei sie ihre Texte auch alle auf Deutsch sprachen. Vor allem Jessica und Daniel strahlten dabei so eine Begeisterung aus, dass man meinte, es handele sich um eine Liebesgeschichte, und im Grunde war es das ja auch, wenn auch weniger sexuell als spirituell. Italienische Liedertexte wurden auf den schon erwähnten Leinwänden in Übersetzung zum Mitlesen angeboten, wobei Luisa Zappa Branduardi die italienischen und Burkhard Brozat sie deutschen Lyriken geschrieben hat. Die Tänzerinnen Monica Uallini, Elisa Ferrari, Tiziana Uitto, Scilla Zizifo, Daina Pezzoti und Maria Tirelli spielten verschiedene Rollen, mal das Volk, mal die Mönche, zumeist aber die Nonnen rund um Clara, wobei ihre Ballettbewegungen alles andere als monastisch anmuteten, sondern sie wirkten eher wie Elfen oder Feen. Aldo Esposito spielte mal einen Mönch, mal ich weiß nicht wen, und tanzte nicht minder elfisch. Angelo setzte auch mal Blockflöten ein, und es gab zwischendurch doch auch mal mittelalterliche Tunes, wie z.B. „A la via“. Eine Melodie aber, die ich sowohl mit Angelo Branduardi als auch mit Franz von Assisi immer in Verbindung gebracht hatte, wurde nur mal in einer anderen Version angespielt, aber kam nicht so, wie ich sie von einem Film über Franziskus, bei dem Angelo die Filmmusik gemacht hatte, im Kopf hatte. Den berühmten Sonnengesang brachte er mit einer für mich neuen Melodie, die in Teilen große Ähnlichkeit zum Loch Lomond-Lied von Runrig hatte.

Die Laude selber dauerte ca. 1 ½ Stunden, und in der Zugabe sang Angelo einige seiner Evergreens wie „La Pulce d’Aqua“, „Cogli la Prima Mela“ und „Momo’s Lied“, das Publikum ging gut mit, ganz zum Abschluss gab es dann noch „Stella Matutina“ aus dem Libre Vermell, zu dem er auch eine Panflöte spielte, und Angelo erklärte, dass die Pilgerströme nach San Diago des Compostella die Grundlagen für das heutige Europa gelegt hätten. So erlebte das Volk von Bonn, bzw. so viele davon, dass der Saal im Brückenforum zu ca. ¾ voll war, einen zauberhaften Abend aus Historie und Legende, Spiritualität und Erotik, Tradition und Moderne und vor allem wunderbarer italienischer Musik.

Man mag sich fragen, warum ich immer von „Angelo“ schreibe, als kennte ich ihn persönlich. Nein, er ist für mich genau so „nur“ eine Berühmtheit, aber ich tue das ja in meinen Rezensionen mit allen Musikern so, dass ich sie beim Vornamen nenne, egal, ob ich sie näher kenne oder nicht. Unter Folkies ist man schnell beim Vornamen, und Angelo Branduardi ist sich sicher nicht zu fein, dazu zu gehören, auch wenn er ein 2-4000 Zuhörer zählendes Publikum als angenehm kleinen Rahmen empfindet. Die Namen der anderen Künstler auf der Bühne konnte man zwar im Abspann lesen, aber eine Liste zum Mitnehmen oder ein Programmheft gab es leider nicht. Einer der beiden CD- und T-Shirt-Verkäufer am Merchandisingstand war aber so nett, sie mir alle aufzuschreiben und mir dann auch noch die Single-CD „die sonne gesang“ mitzugeben, worauf das Angelo den Sonnengesang auf Deutsch singt. Mille Grazie!!!



http://www.angelo-branduardi.com/ger/index.htm
http://www.brueckenforum.de/

Mehr interessante Infos unter:
http://www.angelo-branduardi.com/ger/inter_angelo.htm
http://www.tiscali.de/ital/ital_center_cultur.72449500.html
http://www.wz-newsline.de/sro.php?redid=104810
http://www.europamici.com/interview5.html

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/konzertrezension-angelo-branduardi-die.html
http://tinyurl.com/anfwf

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VII.8. CD-Rezension: Katy Sedna. ...for you

LogicTide Entertainment 2005 mit Fotos, englischen Infos und englischen, portugiesischen, spanischen, kisuahelischen und russischen Texten
12 Tracks, 46,46 Minuten

Beim Anblick des Coverfotos überkam mich spontan Mitleid und Hilfsbereitschaft: Es zeigt die Musikerin in einem schier endlosen und steilen Treppenhaus neben vier riesigen Gitarrenkoffern sitzen, mit Sommerkleid und Sandaletten zwar hübsch, aber für den eigenhändigen Transport der Musikmöbel denkbar ungeeignet gekleidet, und niemand ist zu sehen, der ihr hilf.

Beim Hören der CD überkommt mich aber viel mehr Bewunderung. Nicht nur, weil Katy die Gitarren, nachdem sie irgendwie doch ins Studio gelangt sein müssen, auch zu bedienen weiß, sondern weil sie wunderschön zu singen versteht, und das auf Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Kisuaheli und Russisch und noch einer Sprache, die ich gar nicht identifizieren kann. Und mit jeder Sprache wechselt auch der Stil: die englischsprachigen Songs erinnern mich an teilweise Bob Dylon in ihrer Schrägheit, eines ist ein bekanntes schottisches Volkslied, die portugiesischen Lieder sind Fados, die anderen kann ich nicht so zuordnen, aber sie gefallen mir. Begleitet wird sie nur sehr sparsam von Alan Jelt (Percussion) und Josephine McKalthy (Bass).

Die Texte entstammen teils von ihr selbst, teils von Carl Sigman, Amadeu Augusto Santos Dos, B. Ferreire, Fadhili William Mdawida, Lhasa De Sela und Yves Desrosiers und sind allesamt im Büchlein nachzulesen und eventuell mitzusingen, wenn man nicht lieber mit geschlossenen Augen einfach nur zuhören und träumen will. Die nichtenglischen Texte haben zudem eine englische Übersetzung, damit man auch sehen kann, worum es geht, wenn man nicht einfach nur...

Einen hidden Track gibt es auch, aber nicht nach dem letzten Stück, sondern... Nee, das verrate ich nicht. Hört es Euch an!

http://www.katysedna.com/m_news/main_news_d.php

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/01/cd-rezension-katy-sedna-for-you.html
http://tinyurl.com/cpqy7

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VII.9. CD-Rezension: Positano. Mehr.

Posiversum Records 2005 mit wenigen Infos und lustigen Zeichnungen
18 Tracks, 42,03 Minuten

Was kommt mir denn da ins Haus? Was bedeutet denn das, dass da ein Bleistift, ein Aschenbecher, ein Würfel, eine Zigarettenkippe und ein Mikrophon im Strandsand stecken und ein roter Doppeldecker übers mehr fliegt? Es liegt oder sitzt oder springt noch mehr darum, an diesem Strand, aber kommen wir zur Musik.

Daniel Schult (Gesang, Gitarre) und John Brandi (Gitarre Gesang) singen zu erwähnten Instrumenten eigene deutsche Texte mit Inhalten, die auf sehr eigenartige Weise den Alltag interpretieren, in dem man sich als Bonner Student schon hier und da wiederfindet, nicht nur in dem Lied „Langzeitstudent“, sondern zum Beispiel auch dem Lamento über einen total verregneten Sommer und das Lob einer warmen Dusche. Kritisiert wird auch, z.B. dass weniger die Gedanken, als viel mehr der Markt frei ist, dass das menschenrecht auf Liebe zu wenig geachtet wird, und die UNO mit der humanitären Intervention auf sich warten lässt, gegenüber dem weiblichen Teil der Menschen äußern sie Gebärmutterneid, während ein Wal sich beim Rodeln die Hoden quetscht und dann nicht mehr so gut Jodeln kann, und vieles mehr wird angesungen, wie der Titel schon sagt. Bonner Lokalflair kommt auch ohne Bönnsche Mutart auf, wenn der Posttower oder der Hofgarten erwähnt wird. In dem Lied, das der CD den Titel gab, spielt noch einer mehr mit, nämlich ein Peter am Piano, während Daniel die Drumz und John den Bass bedient.

Ich könnte die CD auch ganz anders und viel kürzer beschreiben: Eine neue Scheibe für Freunde eines Musikstils wie bei Joint Venture oder beim PS-Gitarrenduo. Frech, schräg, alltäglich-surrealistisch, nicht immer appetitlich, manchmal aber auch hochpoetisch.

http://www.posiversum.de

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/01/cd-rezension-positano-mehr.html
http://tinyurl.com/9xpqb

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VII.9. CD-Rezension: Lokal Heroes. Smash the Windows.

Eigenverlag 2005 mit englischen Infos und texten, sowie Fotos
12 Tracks, 49,42 Minuten

Der Reihenfolge des Eingangs nach, müssten zwei andere CDs noch vorher besprochen werden, aber da ja am Samstag der offizielle CD-Release in der Harmonie sein wird und Ralf Wolfgarten (Tin & Low Whistle, Vocals) kürzlich die CD-Werbung rund schickte, will ich diese Scheibe vorziehen.

Unsere Bonner Lokalhelden haben diesen Silberling in Lettland eingespielt, denn wie bestimmt einige wissen, stammen Kristaps Grasis (Vocals, E & A-Guitars, Mandolin, Ukulele und Saz) und Liene Sêjâne (Flute, Piccolo Flute, Overtone Flute und Vocals) aus eben diesem baltischen Land und haben dort Verbindungen. Wer die Lokal Heroes kennt und ihre Entwicklung in den letzten Jahren verfolgt hat, wird nicht sehr überrascht sein, den harten und rauhen Folk-Rock-Gesang Christophs Spix (Leas Vocals, Akkordeon), das eine oder andere skandinavische Stück umrahmt von vielen irischen und schottischen, sowie eine sich immer weiter in den Vordergund schiebende funkige Spielweise vorzufinden. Da wird „The Rocky Road to Dublin“ zum Sprechgesang, da werden die Songmelodien von Tanztunes unterbrochen und ergänzt, da haut Mike Haarmann mal kräftiger, mal weicher auf seine Drums und Perrcussions. Überrascht, na zumindest etwas, war ich aber, im Inhaltsverzeichnis ein Stück namens „Flook Salad“ zu entdecken. Das spielte ich auch gleich als erstes an, und tatsächlich, es ist ein Set aus drei Tunes der berühmten Formation Flook, natürlich, und das zu lesen wird niemandem weh tun, nicht ganz so flookig wie Flook selbst, aber durchaus hörenswert. Nun, Ralf war ja auch in der Brotfabrik als Flook dort spielte, und der Besuch hat sich gelohnt. Man merkt es also, die Lokal Heroes entfernen sich immer mehr vom Klischee der „Pogues von überall“ und entwickeln mehr und mehr einen eigenen und unverwechselbaren Bandsound, und das obwohl sie fast alle Hobbymusiker sind. Gratulation!
Noch nicht erwähnt aber mit von der Party sind auf dieser Scheibe Wendel Biskup (Bass), der zur Stammbesetzung gehört, und als lettische Gastmusiker Reinis Sêjâns (Tablas & Frogs), Juris Kulakovs (melodica, Accordeon), Leon Sêjâns (Acousic Guitar) und als ehemals Stamm-, aber schon seit Jahren gern gehörter deutscher Gastmusiker Matthias Höhn (Gadulka, Bagbipes, Recorder, Kaval). Ja, ich habe die englischen Instrumentbezeichnungen von dem durch und durch englischsprachigen mit meisterhaften Fotos versehenen Booklet übernommen.

Klar, diese Rezension hört sich an wie eine Werbung für Freunde. Aber ich meine es ehrlich!
Für Veranstalter gibt es übrigens auch eine Demo-DVD mit fünf Stücken darauf.

http://www.lokalheroes.de
www.lokalheroes.com

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/01/cd-rezension-lokal-heroes-smash.html
http://tinyurl.com/8lowz

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VII.10. CD-Rezension: Walter Liederschmitt & Andreas Sickmann. Treverer Barden. Trier/Mosel

Eigenverlag 2005 mit Fotos und deutschen u. teilweise englischen Infos, und einem Text in Latein, Deutsch und Englisch
12 Tracks, 38.07 Minuten

Walter Liederschmitts Spezialität mit seiner Band Woltähr ist die Verbindung von moselfränkischer Mundart, Hochdeutsch und anderen Sprachen mit Texten über seine Trierer und moselländische Heimat mit zahlreichen Bezügen zur keltisch-römischen Antike, zur engen Nachbarschaft zu Frankreich, zu den keltischen Verwandten in der Bretagne und auf den britischen Inseln und zum Kampf gegen jegliche obrigkeitliche Bevormundung. Andreas Sittmann ist Frontsänger der Trierer Irish Folk – Gruppe Ramblin Rovers. Für diese CD haben sie sich mit elf weitern Musikern Triers zusammen getan, nämlich mit Volker Dellwe (Flöten, Dudelsack), Chris Oberweis (Gesang, Violine, Mandola); Ulrike Jockum (Kontrabass), Thommis oder Thomas Kramer (Violine; auch Rambing Rovers), Werner Schlöder (Bass; auch Rambing Rovers), Thomas Meier (Drums); Uli Hilsamer (Brums), Carsten Söns (Bass, Gesang; auch Woltähr), Uwe Heil (Gitarre, Gesang; auch Woltähr), Ralf Hess (Piano) und Walter Jäger (Violine), wobei Walter singt und Concertina, Leier und Gitarre spielt und Andreas singt und Gitarre spielt. Nun ist diese CD keine hundertprozentige Neueinspielung von 2005, sondern enthält auch Aufnahmen von 1986, 1996, 1997, 1998 und 2003.

Das erste Lied „Trever per dulzer“ stammt aus dem 12. Jh. und wird lateinisch gesungen, das letzte „Son ar chistre“ ist die bretonische Urversion von „Was wollen wir trinken“, zwischendurch ist fast alles auf Hochdeutsch und Moselfränkisch mit einzelnen französischen und englischen Einschüben. Dabei geht es sehr frankophil zu, auch politisch, wenn da Sympathie für die französische Revolution bekundet und die Preußen lieber in die Mosel geworfen werden, dann auch im Heuschrecken-Lied von 1848, als mit Heuschrecken noch nicht neoliberale Global Players, sondern eben die Revolutionäre gemeint waren, deren freies Hüpfen von der Obrigkeit nicht geduldet wurde. Zwichendurch gibt es auch Lieder zu Wein und Mosel, wie man sie aber nicht von Kegelclub-Moselwein-Stimmungsplatten kennt. Und mein Lieblingslied aus Walters Repertoire „Meine Heimat“ ist auch wieder dabei, diesmal begleitet von Walter Jäger auf der Violine.

Musikalisch ist es wieder sehr vielfältig, nicht selten countryartig, vor allem Chris Oberweis Geigenspiel, ansonsten klingen oft deutsche und französische Volkstänze an, ein „Trinkwunsch“ ist mehrstimmig a capella, Walters Stimme klingt bisweilen, als habe er Wein und Cidre kräftig zugesprochen, vor allem bei dem Wörtchen „Urbs“ ganz am Anfang.

Trier, zeitweise Regierungssitz des römischen Reiches, heute rheinland-pfälzische Bezirksregierungsstadt am deutsch-luxemburgisch-französischen Dreiländereck in der Eurregio Mosel-Saar-Luxemburg-Lothringen hat in seinen Barden wackere Söhne der Stadt, die mit Tiefgang, Fröhlichkeit, Aufmüfigkeit und Zartheit Heimatliebe beweisen, die keine Grenzen zieht, sondern selbige immer wieder überschreitet und ganz Europa und die Welt mit offenen Armen aufnimmt.

Die nächste Möglichkeit, sie live zu hören:
05.04.06
54318 Mertesdorf Karlsmühle “Treverer Barden“ mit W. Liederschmitt, Dorle Schausbreitner und A. Sittmann


Vgl. auch meine Rezension hier:
http://tinyurl.com/axchx


http://www.woltaehr.de
http://www.r-rovers.de
unter http://www.r-rovers.de/presse01.htm gibt es auch eine Konzertrezension von meinem Bruder Norbert

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/cd-rezension-walter-liederschmitt.html
http://tinyurl.com/977wx

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VII.11. CD-Rezension: Woltähr. Trier night & day. bonus tracks 2001 – 2005

2005 Eigenverlag mit Fotos und wenigen Infos
15 Tracks, 58,17 Minuten

Eine CD voller Bonus Tracks für Fans. Tatsächlich, das ist der Zweck dieser selbstgebrannten Scheibe, die kostenlos an alle abgegeben wird, die „Trier by night“ (vgl. http://tinyurl.com/axchx) schon besitzen und zu schätzen wissen. Sie beginnt mit einer fast melodielosen 1. Versuchsversion von „Trier bei Naocht“, die zwar interessant ist, aber mich doch froh sein lässt, dass für der dann offiziell veröffentlichten CD eine andere Version genommen wurde. Auch der „Kirchgang“ von Heinrich Heine ist hier in einer anderen Version zu hören, mit vertauschten Gesangsrollen von Walter Liederschmitt und Chris Oberweis, und auch viele der anderen Stücke sind Alternativversionen zu den auf „Trier by night“ veröffentlichten, so z.B. vom „Musleindijaner-Singsang“ oder vom „Höhenflug (Santa Fe)“, auch diese weniger gut als die offiziellen Versionen. Aber es gibt auch mehrere Lieder, die einfach nicht mehr drauf gepasst haben, so z.B. „Riki Tiki Tavi“ und „Jersey Thursday“ ursprünglich von Donvan, hier aber frei interpretiert, „Il fait chaud“ von Florence Absolu und ansonsten Eigenkompositionen von Walter Liederschmitt, Carsten Söns und Uwe Heil, allesamt genussreich zu hören für die, die die Musik von Woltähr generell mögen, wie mich eben. Diese drei und Uli Hilsamer, soewie Norbert Brenner, Ron Bankley und Rivière Baudette sind denn auch zu hören, wie sie singen und/oder ihre Instumente bedienen, also Gitarre, Leier, Drums, Bass u.a. Der letzte Titel ist indes ganz neu: „Der Meeres und der Liebe Wellen“, entstanden 2005 im Urlaub in Kanada.

http://www.woltaehr.de

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/cd-rezension-wolthr-trier-night-day.html
http://tinyurl.com/9ype6

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VII.12. CD-Rezension: Dán. Stranger at the Gate

Eigenverlag 2005 mit mit deutschen Infos und Fotos
12 Tracks, 56,35 Minuten

Ein Foto einer steinernen Buddhafigur auf einem Torpfosten ziert das orangene Cover. Der Buddha als Fremder am Tor auf einem Cover in der Farbe buddhistischer Mönchsroben, aber nein, es handelt sich nicht um eine CD mit buddhistischer Musik, worauf auch die keltische Ornamentik links oben hinweis, sondern um keltische Musik aus Irland und Schottland nebst einigen kontinentaleuropäischen Melodien und einer aus Quebec. Die Musiker sind ein Oldenburger, ein Augsburger und eine Münsterländerin, Joergen W. Lang (Gitarre, Low Whistle und Hauptsänger), Johannes Mayr (Akkordeon, Kontrabass und Gesang) und Franziska Urton (Fiddle und Gesang), eben die selben, deren Konzert am 20.1.2006 im Bungertshof in Königswinter-Oberdollendorf in auch rezensiert habe (vgl. http://tinyurl.com/8fmug). Acht Tunes bzw. Tunesets (Jigs, Reels, Polkas, Lamentations u.a.) und vier Lieder („When I First Came to Caledonia“, „The Snows They Melt the Soonest“, „Hares on the Mountain“ und „Sandy Bell’s Broadstreet“) enthält diese von Anfang bis Ende spannungsreiche Scheibe, zumeist Traditionals oder aus den Federn irischer Musiker wie z.B. Jerry O’Connor, Mick Kensella oder Cathal McConnell, wobei das der CD den Titel gebende „The Stranger“ vom amerikanischen Sackpfeifer Benedict Koehler stammt. Aber auch Joergen Lang hat zwei Eigenkompositionen beigesteuert, das schon in der Konzertrezi erwähnte „Nem Üzemel“ unverkennbar aus seiner und Johannes` Hölderlin Express-Zeit, an dem ich mich gar nicht satt hören kann, und die „Lament for Kim“. Und natürlich sind alle Stücke ganz neu arrangiert, so dass man zwar das eine oder andere kennen mag, aber so gespielt dann doch noch nie gehört hat. Anders als beim Live-Auftritt kann auf der CD Joergen auch mal gleichzeitig Gitarre und Low Whistler spielen. Wunderbar finde ich zum Beispiel auch die Kombination der Meldodie des deutschen Volksliedes „Wie schön blüht uns der Maien“ mit dem irischen Lied „Hares on the Mountain“, wobei diese Zusammenstellung zwei Liebende, die zueinander finden, symbolisiert. Alle diese und viel mehr Infos findet man in dem Büchlein mit sechs schlicht, aber sehr ansprechend gestalteten Innenseiten. So nach dem vierten oder fünften Durchhören mag man da hinein schauen, aber besser ist, man schließt die Augen und hört einfach zu, und das werde ich noch oft tun.

http://www.danmusic.de (dort kann man auch die CD bestellen)

http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/dn-stranger-at-gate.html
http://tinyurl.com/c938n

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VII.13. CD-Rezension: Battlefield Band. the Road of Tears

Templerecords 2005 mit zahlreichen englischen Infos und Texten und ein paar Fotos
17 Tracks, 71,50 Minuten

Die Battlefield Band, benannt nach dem Glasgower Stadtteil Battlefield, in dem sich die Band gründete (Dank an Mike Kamp, der dachte, das sei allgemein bakannt, für die Info!) legt mit dieser CD ein Themenalbum vor, wie es auch schon auf ihrer 2006er Konzerttournee zu hören war (vgl. meine Rezension vom Konzert in der Bonner Brofabrik am 1.2.2006: http://tinyurl.com/8jxnl). Das Thema Migration, als Wanderung im Sinne von unfreiwilligem Auswanderen aus der Heimat und Einwandern in ein fremdes Land wird in neun Liedern behandelt, die natürlich auch vom Auswandern aus der schottischen Heimat nach Amerika oder Australien handeln, aber auch von der Auswanderung von Irland nach Schottland oder von Mexiko in die USA. Politische Verfolgung, Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger oder geplant durchgeführte Landvertreibung werden in Texten aus drei Jahrhunderten als Ursachen genannt, wobei außer Alan Reid auch Robert Burns und Woody Guthry als Autoren genannt werden, und einige Texte keinen bekannten Autor haben, daunter auch eines von Burns in nur Eingeweihten verständlichem schottischem Englisch, wie z.B. „Wee, sleekit, cow’rin, tim’rous beastie, ...“. Dass dies bei weitem nicht nur historische, sondern hochaktuelle Themen sind, wird im Büchlein ausführlich betont. Abgesehen von Guthrys „Plane Wreck at Los Gatos“ kann man alle Texte im Büchlein mit- oder nachlesen. Ohne die zahlreichen Infos zu den einzelnen Stücken im Büchlein würde man nicht heraus hören, dass auch einige der acht Instrumentals (bzw. es sind ja viel mehr, wenn man die Tunes der Sets einzeln zählt) die Migration oder verwandte politische Ereignisse zum Thema haben, so z.B. „Ely Parker“ benannt nach einem Seneca-Indianer, der im 19. Jh. als erster Indianer Kommissar für Indianerangelegenheiten war bis ihm als Nicht-US-Bürger das Anwaltspatent entzogen wurde, oder „Mr. Galloway goes to Washington“ über einen britischen Abgeordneten, der für die Vermeidung beider Golfkriege eintrat und deshalb nach Washington ging, um eine Anschuldigung wegen angeblicher Ölgeschäfte mit dem Irak zu widerlegen, beide Tunes übrigens im ersten Set. Auch der Ohrwurm, der im Konzert den Opener darstellte, ist dabei, wenn auch auf Position 15, und heißt „Mary’s Dream“, was mit dem Albenthema mal nichts zu tun hat, so wie auch andere Tunes von anderen Themen inspiriert sind, z.B. von der Hochzeit, und da wird im Büchlein versichert, dass „surely girls and marriage have nothing ideologycally to do with hardship, cruelty, pain, slavery, and immigration, or do they?“.

Musikalisch haben wir bei diesem Album wieder mal ein exzellentes Beispiel traditionsverwurzelter und doch moderner schottischer Volksmusik mit einigen irischen und eben einem mexikanisch-amerikanischen Stück dabei. Alan Reid singt und spielt Keyborad, Akkordeon und Melodika, Mike Katz spielt Highland Pipes, Small Pipes, Low Whistles, Tin Whistles (im Konzert auch, die hatte ich nur vergessen zu erwähnen), Bassgitarre und Bouzouki, Sean O’Donnel, der Ire in der Truppe, singt und spielt Gitarre, und Alasdair White spielt Fiddle, Whistles und Bouzouki. Es geht oft rasend schnell zu, oft aber auch sehr melancholisch, dem Thema angemessen. Zwei Lieder sind Übernahmen von zwei früheren Alben, und da singt eine Frau mit, deren Name wahrscheinlich in den Büchlein besagter zwei Alben steht, aber leider nicht in diesem. Vielleicht sind es ja auch zwei verschiedene Frauen.

Zum Schluss noch eine Strophe des Titelliedes und Openers des Albums von Alan Reid :

„They came at dawn out the darkness
Swords and torches in their hand
They said it was the chieftain’s orders
Clear the hillside and the glens
No more we’d smell the broom and the heather
Share the bannock with our kin
Be laid to rest beside our fathers
It almost broke our hearts and minds
To board the ship, the ship of tears
To board the ship, the ship of tears.”

http://www.battlefieldband.co.uk/
http://www.templerecords.co.uk/
http://www.folker.de/200601/02battlefieldband.htm


http://folktreff-bonn-rhein-sieg-rezensionen.blogspot.com/2006/02/cd-rezension-battlefield-band-road-of.html
http://tinyurl.com/92ewu

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VIII. Und noch’n Gedicht: Hacci Bayram: Was hat denn mein Herz?


Was hat denn mein Herz? Was hat denn mein Herz?Mit Kummer und Schmerz erfüllt ist mein Herz!Es brannte mein Herz, es brannte mein HerzIm Brennen nur fand die Heilung mein Herz.Und ist's auch verbrannt, ist's wahrhaft verbrannt,In Liebe gefärbt, in Liebe gebannt.Es fand in sich selbst, in sich selber nun fandSein wahrhaftes Ziel mein suchendes Herz."Die Armut mein Stolz, die Armut mein Stolz!"Hat so nicht gesagt des Weltkreises Stolz?Gedenk seines Stolzes, blick auf seinen Stolz -Es fand dieses Glück im Entwerden mein Herz.Hacci Bayram 1352-1429(Aus dem goldenen Becher, Annemarie Schimmel, Önel Verlag 1993 )
(gefunden im Internet unter: http://universum.blueblog.ch/gedichte/gedicht-der-woche.html)


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Nun entlasse ich Sie/Euch in den Vorfrühling, die fünfte Jahreszeit oder in welche jahrszeitliche Interpretation auch immer!

Herzliche Grüße,
Ihr/Euer Michael A. Schmiedel