Thursday, November 19, 2015

Interreligiöser Rundbrief Nr. 2015-05



Interreligiöser Rundbrief für Bonn und Umgebung Nr. 2015-05 (19.11.2015)
Vom Herzen gehen die Dinge aus,
sind herzgeboren, herzgefügt:
wer bösgewillten Herzens spricht,
wer bösgewillten Herzens wirkt,
dem folgt nothwendig Leiden nach,
gleich wie das Rad dem Hufe folgt.

Vom Herzen gehen die Dinge aus,
sind herzgeboren, herzgefügt:
wer wohlgewillten Herzens spricht,
wer wohlgewillten Herzens wirkt,
dem folgt nothwendig Freude nach,
dem untrennbaren Schatten gleich.
                                              
                               Dhammapadam 1,1-2[1]

Liebe Leser*innen,
meine Frau und ich sahen uns letzten Freitagabend gerade „Soko Leipzig“ im Fernsehen an, als Laufbänder am unteren Bildschirmrand über Schießereien in Paris informierten. Den weiteren Verlauf der Ereignisse am Freitag, dem 13.11.2015 in Paris brauche ich hier nicht zu schildern, den kennen Sie mindestsens so gut wie ich, der ich ihn auch nur aus den Medien kenne. Meine Frau meinte, es wäre vielleicht besser gewesen, gar nicht davon zu berichten, denn jede Medienöffentlichkeit nütze dem IS. Aber man kann es ja nicht verschweigen, zumal jedes Verschweigen Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheoretikern wäre. Vielmehr bin ich sogar recht positiv überrascht, über die Art, wie die Medien und die Öffentlichkeit, gerade auch in Frankreich, mit diesem Verbrechen umgehen. Keine Massenhysterie, keine Hasspredigten, keine Racheaufrufe. Sicher gibt es das alles auch, aber eher vereinzelt, nicht die Grundstimmung bestimmend. Das Hauptgefühl ist sicher Trauer, vielleicht sogar stärker als die Angst, die auch da ist. Und es gibt Wut und Trotz.  Vor allem aber mach sich ein Friedenswille bemerkbar. Aus dem Friedenssymbol der Kampagne für nukleare Abrüstung  mit dem Kreis und dem stilisierten N und D aus dem Winkeralphabet wird in Verbindung mit einer Umformung des N und D zu einem Eiffelturm ein neues Friedenssymbol.[2] Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden postuliert und als „unsere Werte“ dem Hass der Terroristen entgegengehalten.

Und doch kenne ich auch in mir selbst das Gefühl, diesem Spuk endlich durch einen gezielten Militärschlag ein Ende bereiten zu wollen. Da geht man gemütlich am Freitagabend essen, Musik hören oder Fußball gucken, da kommen so ein paar Spackos, schießen um sich, sprengen sich selber und andere in die Luft und zerstören Menschenleben unwiederbringlich, sei es die Leben der Ermordeten, sei es die Leben der Angehörigen und teilweise ihre eigenen. Oh ja, ich kann Rachegelüste verstehen!

Aber irgendwie haben die meisten Menschen in Paris und auch hier in Deutschland es gelernt, gerade weil wir es ja tagtäglich in die Wohnzimmer bekommen, was Rachefeldzug um Rachefeldzug bewirken, wenn wir zum Beispiel nach Israel/Palästina schauen. Und wir Franzosen und Deutsche haben unsere eigene Geschichte der Erb- und Erzfeindschaft hinter uns und sie gut überwunden.
Die Politiker in Frankreich und Deutschland, in den USA und in Russland haben sicher die Verantwortung, angemessen zu reagieren, was bedeutet, dass man es nicht einfach so laufen lassen darf. Man muss militärisch und polizeilich gegen den Terrorismus vorgehen. Es ist ein Krieg, den die Terroristen erklärt haben. Aber es ist kein Krieg nur gegen Europa, sondern ein Krieg gegen alle Menschen, die sich dem IS nicht unterwerfen wollen. Paris ist für uns näher als Damaskus oder Istanbul. Eine in Köln hochgehende Bombe wäre mir als Siegburger auch näher als eine in Düsseldorf, aber auch Düsseldorfer sind Menschen und wollen leben, nach ihrer eigenen Façon.  Und so ist ein Terroranschlag in Syrien, Irak, Türkei oder Nigeria nicht weniger schlimm als einer in Frankreich oder hier in Deutschland. Menschen sind Menschen. Und es ist egal, ob die Opfer Christen sind oder Muslime, Atheisten oder Polytheisten. Und auch bei den Tätern ist es egal.

Die Grenze zwischen den gewalttätigen und den friedlichen Menschen führt nicht entlang der Grenzen zwischen den Religionen und Weltanschauungen. Wichtiger sind vielmehr Geisteshaltungen, wie die folgenden:
- Konservativismus
- Liberalismus
- Orthodoxie, im Sinne von Strenggläubigkeit
- Nichtreligiosität
- Fundamentalismus
- Traditionalismus
- Mystik
- Rationalismus
- Säkularismus
- Modernismus
- Nationalismus, Ethnozentrismus    

Überlegen Sie einmal, ob sich diese Geisteshaltungen  bestimmten Religionen oder Weltanschauungen zuordnen lassen.

Und wie sieht es mit folgenden Persönlichkeitsfaktoren aus?
- Neurotizismus
- Extraversion
- Offenheit für Erfahrungen
- Verträglichkeit
- Gewissenhaftigkeit

Das sind die so genannten „Big Five“, die Hauptpersönlichkeitsfaktoren in der Psychologie.
Können Sie hier eindeutige Zuordnungen vornehmen, wie „der typische Muslim ist …“ oder „das Christentum hat einen Hang zu …“? Ich meine, eher nein. Aber auch die Zuordnungen von Geisteshaltungen und Persönlichkeitsfaktoren einerseits und Gewaltbereitschaft und Friedfertigkeit anderseits ist so einfach nicht. Es ist alles noch viel komplexer und hängt von vielen Kontexten ab.

Neulich bekam ich einen schönen Spruch zugeschickt: Religion hat mit Terror nichts zu tun. Ein schöner Spruch! Aber stimmt er?

Wie sieht es mit der Wirtschaft aus, mit der Technik, mit der Politik? Haben diese Bestandteiler menschlicher Kultur etwas mit Terrorismus oder generell mit Gewalt zu tun?
Am Donnerstag, dem 12.11.2015, also einen Tag vor den Anschlägen in Paris, nahm ich in Bielefeld an einem christlich-islamischen Podiumsgespräch zum Thema „Glauben wir an denselben Gott?“ teil. Der auch daran teilnehmende Klaus von Stosch, Professor für römisch-katholische Theologie in Paderbotn und Vertreter der komparativen Theologie, erklärte auf die Frage einer muslimischen Zuhörerin sein Sündenverständnis. „Ursünde“ bedeute, dass wir alle in Kontexten lebten, die es unmöglich machten, sündenfrei zu leben. Ob wir Energie verbrauchten, Waren kaufen oder äßen und tränken, immer schadeten wir damit irgendwem sonst. Und als ich ihn fragte, ob er, der er gerade vorher noch versuchte, den Muslimen die christliche Trinitätstheologie als monotheistisch zu erklären, eine ähnliche Anerkennung, die er dem Islam zukommen lasse, auch poly-, pan-, atheistischen oder anderen Religionen und Weltanschauungen zukommen lassen würde oder ob es irgendwo eine Grenze gebe, erklärte er, wichtiger als die Gottesbilder sei der Umgang der Menschen untereinander. Andere Menschen als gleichwertig anerkennen, Unterdrückungs- und Ausbeutungssystemen widerstehen, sich nicht den Stärkeren anbiedern, sondern den Schwächeren beistehen, daran erkenne man, ob einer den richtigen Glauben habe oder nicht. Mein Bielefelder Kollege Leif Seibert fand in seiner Dissertation über die Glaubwürdigkeit von Religionen in Bosnien nach dem Krieg heraus, dass die Bosnier diese Glaubwürdigkeit der Religionen an ihrer Ethik festmachen, nachdem sie gelernt haben, dass die Religionsgemeinschaften sich im Krieg nationalistisch betätigt haben. Sie sind nun kriegsmüde und glauben Religionen, die die Waffen segnen, nicht mehr.[3]

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit kann man doch in diesem Sinne als Ausdrücke eines richtigen Glaubens interpretieren. Aber, die müssen auch gelebt werden!

Wenn wir nun denken, Europa werde angegriffen, und wir müssten Europa und europäische Werte und Lebensart verteidigen, und das sei genug, dann leben wir nicht die Werte der französischen Revolution.  Mal abgesehen davon, dass schon die Revolutionäre damals sie verraten haben, haben auch die europäischen Mächte nach Napoleon, sogar die Franzosen selber, diese Werte mit Füßen getreten. Wenn man sie dahingehend interpretiert, dass sie nicht nur für Franzosen oder Europäer, sondern für alle Menschen gelten, dann verbieten sich Kolonialismus und Ausbeutungsmarktwirtschaft von selbst. Genau wie die Islamisten islamische Werte sehr einseitig interpretieren, so interpretieren französische und andere europäische Wirtschafter, Politiker, Militärs, aber auch Wissenschaftler und Kirchenleute die europäischen Werte, seien sie revolutionär oder christlich, sehr einseitig. Die Geschichte europäischer Hegemonie in Afrika und Asien ist eine einzige Geschichte verratener Werte, von Betrug und Hinterlist und von Gewalt. Der Islamismus ist doch gerade in dieser Atmosphäre des Gefühls der Demütigung und der Unterdrückung erwachsen, und zwar als Mischung von politischer Ideologie und religiösem Glauben oder als eine Einheit von beidem, din wa daula, Glaube und Staat. Wir Deutsche und Franzosen müssen es doch wissen, was Demütigung provoziert. Der Nationalismus beider Völker nährte sich im 19. und 20. Jahrhundert doch davon, von den je anderen besiegt zu sein, gedemütigt, bevormundet und ausgeraubt zu werden. Den Terrorismus von heute haben wir, also die oben erwähnten Europäer, mit herangezüchtet. Das hätte nicht sein müssen, hätten wir den Arabern und anderen Völkern das zugestanden, was wir uns für uns wünschten. Sicher ist es nicht alleine die Schuld der Europäer, sondern Gier nach Macht und Hemmungslosigkeit bei der Wahl der Mittel, die eigene Macht zu mehren, gibt es überall in der Menschheit. Und bei weitem nicht alle Menschen reagierten mit Gewalt auf Demütigung. Die allermeisten blieben geduldig und friedlich und hofften auf eine Besserung der Lebensumstände. Auch sind die konkreten Terroristen nicht alle identisch mit den Unterdrückten, sondern instrumentalisieren die Not ihrer Landsleute, um ihre eigene Gier nach Macht zu legitimieren. Aber die Grundstimmung ist da, und aus ihr erwachsen eben auch Hass, Gewaltbereitschaft und offener, brutaler Terrorismus.

Hat das mit Religion zu tun? Ja, genau wie es mit Wirtschaft, Technik und Politik zu tun hat. Hat Religion die Funktion der Kontingenzbewältigung, also die Bewältigung von Tatsachen, die man sich auch anders denken und wünschen kann, die aber sind wie sie sind, so kann eine Bewältigungsstrategie auch die Gewalt sein, mit der man hofft, das Problem zu lösen, wobei man diese Gewalt dann religiös legitimiert, indem man das Problem und auch die Lösung religiös bewertet. Natürlich kann man sagen, das sei eine falsche Religiosität und ein falscher Glaube. Aber ob richtig oder falsch, es ist Religiosität und Glaube, zumindest bei denen, die sogar ihr eigenes Leben opfern, um ein Ziel zu realisieren, das ihnen wichtiger erscheint als ihr eigenes diesseitiges Leben. Sicher gibt es aber auch Menschen, die den Glauben nur vortäuschen, um andere für ihre eigenen Machtinteressen zu missbrauchen.

Es ist aber nicht die Frage, ob der Islam die richtige oder falsche Religion sei, sondern, welche Art, den Islam zu interpretieren und zu leben, richtig oder falsch sei. Der oben erwähnten Betonung des Umgangs mit Mitmenschen als Maßstab für einen richtigen Glauben stimmte auch der muslimische Redner des Abends, Idris Nassery, zu. Terrorismus ist aus dieser Perspektive ganz klar der falsche Weg, den Islam oder irgendeine Religion oder Weltanschauung zu leben. Ausbeutung aber auch und Profitmacherei mit der Produktion und dem Handel mit Kriegswaffen ebenfalls.   

Es ist nicht zu spät! Noch immer besteht die Chance, alle Menschen menschenwürdig zu behandeln, als freie und uns gleiche Brüder und Schwestern. Das Friedenzeichen mit dem Eiffelturm, dem Symbol für den Fortschritt von der Weltausstellung von 1889, kann zum Leuchtturm des Friedens werden.

Freilich dürfen wir uns wehren gegen Gewalt und Terror. Freilich müssen Verantwortliche zur Verantwortung gezogen werden. Nur wir, das sind nicht nur Franzosen und andere Europäer, auch nicht nur die Bewohner der so genannten freien Welt, sondern wir, das sind wir alle, derzeit fast acht Milliarden Menschen, einer so wichtig wie der andere, und alle wollen wir glücklich sein und Leid vermeiden.

Wahnsinn kann man nicht mit Wahnsinn besiegen, sondern Wahn nur mit Sinn!



Noch’n Gedicht:

Wer mit Tao dem Menschenherrscher beisteht,
vergewaltigt nicht mit Waffen das Reich.
Sein Verfahren liebt zurückzukehren.
Wo Heerhaufen lagern, gehen Disteln
und Dornen auf.
Großer Kriegszüge Folge sind sicherlich Notjahre.
Der Gute siegt, und damit genug.
Er wagt nicht, zur Vergewaltigung zu greifen.
Er siegt und ist nicht stolz,
er siegt und triumphiert nicht,
er siegt und überhebt sich nicht,
er siegt, wenn er es nicht vermeiden kann,
und er siegt und vergewaltigt nicht.
„Was stark geworden ist, ist ergreist,
und das ist, was man Tao-los heißt;
Was Tao-los ist, das endet früh.“
                                                           
Tao Te King XXX[4]

Herzliche Grüße,
Ihr Michael A. Schmiedel
http://www.migrapolis-deutschland.de/?id=michaelaschmiedel

Aktiv u.a. bei:
www.religionsforpeace.de
Aktuelle Stellungnahme unter http://www.religionsforpeace.de/?id=aktuelles
www.bimev.de
Aktuelle Stellungnahme unter  http://www.migrapolis-deutschland.de/ Wir trauern. 16.11.2015.

Interreligiöser Rundbrief im Netz:
http://interreligioeser-rundbrief.blogspot.de

PS: Diesen Text schrieb ich hauptsächlich im Zug zwischen Bielefeld und Siegburg am 17. und 18.10.2015 und machte ihn am 19.11. fertig.





[1] Dhammapadam. Der Wahrheitspfad. Ein buddhistisches Denkmal. Übersetzt aus dem Pali von Karl Eugen Neumann. München (Pieper) 4. Aufl. 1984 (1. Aufl. 1918). – Das Dhammapadam ist ein Buch innerhalb des Dreikorbes (Tipitaka) oder Pali-Kanons, der normativ maßgeblichen, also heiligen Schrift des Theravada-Buddhismus.
[2] Da ich kein gemeinfreies Foto fand, verweise ich per Link auf diese Seite: Die Presse. Terroranschlag in Paris – Friedenszeichen gehen um die Welt:  http://diepresse.com/home/politik/4866730/Terroranschlag-in-Paris_Friedenszeichen-gehen-um-die-Welt (aufgerufen am 19.11.2015).
[3] Zu dieser Studie vgl. die Laudatio für Dr. Leif Seibert für seine Untersuchung „Religious Credibility under Fire” von Konrad Raiser: http://www.ifa.de/fileadmin/pdf/wika/raiser_laudatio2014.pdf (aufgerufen am 19.11.2015).
[4] Lao Tse. Tao Te King. Aus dem Chinesischen übersetzt von Victor von Strauss. Zürich (Manesse) o.J. Übersetzung von 1870. – Das Tao Te King bzw. Daode jing ist eine der beiden normativ maßgeblichen, also heiligen Schriften des Daoismus.  

Wednesday, November 11, 2015

Drei weitere Rückmeldungen zum Interrel. Rb. Nr. 2015-04

Es kamen noch drei Rückmeldungen oder Leserbriefe zum Interreligiösen Rundbrief Nr. 2015-04, die ich hier mit Erlaubnis der Autoren veröffentliche:

1.

Hallo Michael,
danke für den Rundbrief, der viele Wahrheiten und sehr viel Nachdenkliches beinhaltet.
Bei der Fülle an bad news, die den lieben, langen Tag auf uns abgefeuert werden, muss man bekloppt werden, ob man will…..oder nicht.
Du hast sehr fleißig recherchiert, sehr viele, verbesserungswürdige Fakten zusammengetragen……aber, wen wird es in seinem Handeln positiv beeinflussen?
Die Menschen sind nun mal die größte Fehlleistung der Evolution.
Diese Erkenntnis spaltet uns in die Mitmacher, die Mahner und die Penner.
Geh’n wir lieber mal wieder wandern!
Evtl. könnte die Vulkaneifel auch einmal für ein Treffen geeignet sein.
Herzliche Grüße aus Neurath…..natürlich auch an Petra
Helmut

*
 Die nächsten beiden Autoren gehen mehr auf die Rückmeldung von Näx ein:

2.
 Der Leserbriefschreiber hat größtenteils mMn Recht. Allerdings glaub ich nicht, dass ein "Einwanderungsgesetz" an der Misere etwas ändern wird. Nationalstaatliches Denken hilft uns da keinen Schritt weiter, macht meines Erachtens alles noch schlimmer. Viel mehr wird es endlich Zeit für ein gewaltiges weltweites Umdenken und Umgestaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen - weltweit. Recycling von Problemmüll wie beispielsweise von alten Handys und Fernsehern ist mittlerweile relativ problemlos möglich. Meines Wissens gibt es in Regensburg sogar eine Firma, die dies macht. Diese Industrie ließe sich bestimmt exportieren, und regional ausführen. Gibt Menschen auch in anderen Ländern Arbeit und löst deren Umweltproblem, Kriege um Rohstoffe würden wohl weniger, da Rohstoffe wieder verwendet werden könnten und weniger gesucht werden müssten. Unsere europäischen Regionen müssten wir auch wohl wieder teilweise industrialisieren, umweltfreundlichere Verarbeitungsgewerbe ohne diese teilweise endlos erscheinenden Transportwege von einem Produktionsschritt zum anderen...Übrigens dasselbe sollte für die Landwirtschaft gelten, kurze Transportwege, saisonales Obst und Gemüse etc...

Das mal als einen kleinen Einwurf dazu.
Asterix
(Diese Rückmeldung wurde zuerst veröffentlicht auf http://www.rockmode.de/index.php?topic=4967.msg67642#msg67642.)

*
3.
Lieber Michael,

danke für Deine interreligiösen Rundbriefe. Aus mancherlei Gründen kann ich Deine Briefe nicht immer zeitnah lesen. Trotzdem finde ich es spannend und bereichernd von Dir ausgewertet und bewertet über verschiedene Themen zu lesen. Dabei finde ich Deine bewusst subjektive Auswahl gut. Das zeigt auch der unten erwähnte Leserbrief. Sicherlich habe ich schon irgendwie über die angesprochenen Themen (Sondermüll, Altkleidersammlung, Fabrikfischdampfer usw.) gehört. Etwas ganz anderes ist es, persönliche Eindrücke zu Themen zu hören, die bestenfalls im Weltspiegel angesprochen werden, dann aber doch für mich anonym bleiben.

Ich freue mich darauf, wieder von Dir zu lesen.

Herzliche Grüße aus Bremen

Michael

Bis 2008 war ich in Bonn im Arbeitskreis Muslime und Christen im Bonner Norden (Arbeitsgruppe Ö) und wir hatten uns in diesem Zusammenhang kennengelernt (Michael Ring).



Thursday, October 29, 2015

Rückmeldung eines Lesers zum Interreligiösen Rundbrief Nr. 2015-04



Mit der Erlaubnis des Autors gebe ich hier seine Rückmeldung zum Interreligiösen Rundbrief Nr. 2015-04 wieder:

Lieber Michael,

Du schreibst mir aus der Seele.

Du weiß, dass ich weit vom linken Ideenspektrum entfernt bin, aber ein zentraler Begriff meines christlich-liberalen Weltbildes ist (neben dem der Freiheit) der der Verantwortung. Hier in Accra (Ghana), wo Nicole und ich derzeit unter sicherlich sehr privilegierten Bedingungen leben, können wir hautnah erleben, welche Mitverantwortung die wirtschaftlich entwickelten Länder an der wirtschaftlichen Lage vieler Menschen haben.
Nur drei spontane Beispiele mit Deutschlandbezug, die wir hier tagtäglich sehen:

- 6 km von unserem Haus entfernt ist die große Elektromüllhalde von Agbogbloshie, wo auch deutscher Elektroschrott von Kindern und Jugendlichen auf kleinen und großen Feuern verbrannt wird, um an die verbauten Metalle zu gelangen. Die Halde gehört darum zu den 10 giftigsten Orten der Welt. Die Gifte gehen direkt in die Luft (und die Lungen) und in den angrenzenden Fluss, der sofort ins Meer fließt, aus dem die Fischer versuchen, kleine Fische zu fangen, die wiederum umgehend lokal konsumiert werden. Der Müll dürfte eigentlich nicht die EU verlassen, aber er tut es eben doch und in Deutschland haben wir eine schöne, saubere Umwelt...

- Überall in der Stadt und auf dem Land gibt es kleine Nähstuben, in denen Männer und Frauen als selbständige Schneider arbeiten. Früher gab es viel mehr davon und die Schneider konnten brauchbar von ihrer Arbeit leben, denn fast alle Kleidung wurde lokal auf diese Weise hergestellt.
(Ghana produziert übrigens auch herrlich bedruckte Stoffe.) Das Schneiderhandwerk leidet aber sehr stark, denn ebenfalls überall kann man sehr billige gerauchte Kleidung und Schuhe kaufen. Diese stammen aus unseren westlichen Altkleidersammlungen, die wir bereitwillig befüllen.
Die Sammler (bestenfalls das Rote Kreuz) verdienen an dem Verkauf der gespendeten Sachen und machen hier einen funktionierenden Markt kaputt.
Und die Kleiderspender haben dabei ein gutes Gewissen.

- Ghanas Fischer haben die großen Fische immer mit Netz und Leine weit draußen auf dem Meer gefangen, wohin sie teilweise tagelang mit offenen Einbäumen fahren. Dummerweise haben die Nordamerikaner, Russen, Chinesen und Europäer mit ihren Fabrikschiffen längst alles abgefischt. Uns hat das gesunden Fisch billig auf den Tisch und die hiesigen Fischer um ihre Existenzgrundlage gebracht.

Die Liste ließe sich weiterführen. Im Durchschnitt geht es Ghana nicht mal schlecht, aber die persönlichen Perspektiven sind nicht wirklich toll. Kein Wunder, dass auch Ghanaer das Gold am Ende des Regenbogens suchen und sich in den Strom der Wirtschaftsflüchtlinge einreihen. Wie verständlicher ist eine wirtschaftliche Fluchtmotivation bei Menschen aus viel ärmeren Staaten?

Natürlich sind die entwickelten Länder nicht an allem Elend schuld und nicht einmal die Kolonialzeit ist es. Nachteile bei Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und Marktzugängen tun ihr übriges. Und Korruption und der Unwille, Hergebrachtes in Frage zu stellen und zu verändern, sind hier in Ghana wesentliche hausgemachte (Mit)ursachen. Aber man muss doch feststellen, dass wir eine strukturelle und - oh Schreck - oft eine persönliche Mitverantwortung nicht negieren können.

Folglich sind wir moralisch verpflichtet, uns mit der Flüchtlichproblematik auseinander zu setzen, und zwar auch, soweit es sich "nur" um Wirtschaftsflüchtlinge handelt.

Leider befreit das Benennen der strukturellen Fluchtursachen (und ich habe jetzt nur über den Anblick "vor meiner Haustüre" in Accra berichtet) nicht davon, konkrete Lösungen im Umgang mit den flüchtenden Menschen in Deutschland zu finden. Da tue ich mich auch schwer. Ich habe das Gefühl, dass die Kanzlerin mit ihrem "Wir schaffen das" Fakten schaffen und damit einen so großen Handlungsdruck aufbauen will, dass die deutschen Parteien (vor allem ihre eigene) und die EU sich nicht mehr wegducken können, sondern das Problem gemeinsam angehen müssen. Das wird unbequem. Aber dieses ewige Fernhalten des Problems und das Negieren der Mitverantwortung ist wirklich peinlich und beschämend. Der Kanzlerin Strategie ist gewagt, aber ich bin davon überzeugt, dass gemeinsam tatsächlich Lösungen möglich sind.

Wobei bei aller Romantik die Wahrheit dazu gehört, dass wir leider nicht alle Ungerechtigkeiten auf der Welt abschaffen können und dass Deutschland oder die EU nicht alle Flüchtlinge aufnehmen kann und viele wieder zurückschicken muss. Hier sind gute Konzepte möglich, aber leider noch nicht auf dem Meinungsmarkt. Zentrales Regelungsinstrument wäre unter anderem ein Zuwanderungsgesetz. Doch solange es Parteien gibt, die dieses Wort nicht einmal aussprechen können, muss die Kanzlerin wohl so weiter machen. Immerhin machen die vielen freiwilligen Helfer Mut, auch wenn das für sich genommen noch kein tragfähiges Konzept ist.

Neben Unterbringung und Finanzierung werden diejenigen Flüchtlinge eine zentrale Herausforderung sein, die sich während ihrer Zeit in Deutschland gut integriert haben. Soll man die behalten oder zurückschicken? Wenn wir uns darüber klar werden, was Integration für uns bedeutet, wie wir sie definieren wollen (z.B. über erworbene Sprachkenntnis, feste Arbeitsstelle, gesellschaftliches Engagement etc.), dann sollen wir doch über die Integrierten froh sein und sie behalten.

Ich habe dazu noch gar keine abgeschlossene Meinung, denn es gibt so viele große und kleine Stellschrauben und all die Gestaltungsmöglichkeiten müssen in Deutschland und Europa erst einmal in die Diskussion gelangen und von allen Seiten ernsthaft und unaufgeregt beleuchtet werden. Hoffentlich kommt es irgendwann dazu.

Dir jedenfalls Danke für deinen Debattenbeitrag und Dir und Petra alles Gute!

Herzlich aus Accra,
Näx