Sunday, October 25, 2015

Interreligiöser Rundbrief Nr. 2015-04





Interreligiöser Rundbrief für Bonn und Umgebung 2015-04
(25.10.2015)

„Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genau so zur eigenen Person erweist sich in der Selbstkritik. Die Liebe zum anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein. Richtig, die Liebe zum anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus. Aber verliebt, wie es Pater Paolo und Pater Jaques in den Islam sind, verliebt kann man nur in den anderen sein. Die Selbstliebe hingegen muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzismus, des Selbslobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein. Wie sehr gilt das für den Islam heute! Wer als Muslim nicht mit ihm hadert, nicht an ihm zweifelt, nicht ihn kritisch befragt, der liebt den Islam nicht.“              Navid Kermani[1]


Foto: Michael A. Schmiedel

Liebe Leser*innen des interreligiösen Rundbriefes,

ein Thema beschäftigt derzeit die Gesellschaft und zwar so sehr, dass man damit konfrontiert wird, egal ob man will oder nicht: die Flucht von Millionen von Menschen aus ihren Heimatländern, in denen Krieg und Not herrschen. Es beeinflusst unser Denken so sehr, dass meine Frau und ich letztens im Wald meinten, ein Schild mit der Aufschrift „Schlepperweg endet. Kein Durchkommen“ gesehen zu haben. Nun war es aber kein Schlepperweg, sondern ein Schleppweg, also eine Rückegasse, auf der man gefällte Bäume aus dem Bestand zieht. Und doch dachten wir, ein solches Schild sollte man dort aufstellen, wo Schlepper die Flüchtlinge auf Boote oder in LKW pferchen, um damit viel Geld zu verdienen. Wenn das nur so einfach wäre!

Es drängt mich einerseits, zum Flüchtlingsthema etwas zu schreiben, aber zugleich schrecke ich davor zurück, denn es wurde schon so viel dazu geschrieben und gesagt. Fast immer, wenn mir ein origineller Gedanke dazu kommt, höre oder lese ich diesen Gedanken schon aus anderem Munde oder anderer Tastatur. Eigentlich ist schon alles Wichtige gesagt und geschrieben. Allein, an der Katastrophe ändert das nichts, zumindest noch nicht merkbar.

Die richtigen, wenn auch augenscheinlich ohnmächtigen Worte kommen oft von Menschen, denen man doch eher die Aufgabe anvertraut, uns zum Lachen zu bringen, als seröse Reden zu halten, nämlich von den Kabarettisten. Egal ob in der „Anstalt“, der „heute-show“ oder den  „Mitternachtsspitzen“, die Kabarettisten sind Meister der Eulenspiegelei und halten Hofnarren gleich den Mächtigen den Spiegel vor. [2] Nicht selten bleibt mir das Lachen im Hals stecken, denn die vorgeblichen Lachnummern gleichen eher prophetischen Mahnworten und moralphilosophischen Anklagen, die eines Elia oder Seneca würdig wären. Wer diese Sendungen regelmäßig sieht, braucht hier eigentlich nicht weiterzulesen.

Oder sie kommen von Literaten, wie dem jetzt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrten Navid Kermani, dessen Rede nach der Verleihung mir so nahe ging, wie sonst keine. Wer sie gehört oder gelesen hat, braucht hier auch nicht weiterzulesen. Wer sie nicht kennt findet sie hinter dem Link in Fußnote 1. Ich folge meinem Verständnis seiner Rede hier insofern, dass ich in diesem Text hauptsächlich unsere eigene Wirtschaftsordnung als mitschuldig an der Misere kritisiere, bei aller Liebe zur unserer freiheitlichen Gesellschaft.

Manchmal kommen sie auch von Politkern oder gar von unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel, was die oben genannten Kabarettisten deswegen verzweifeln lässt,  weil „Mutti“ doch sonst ihre liebste Spottfigur ist, an der sie aber in Bezug auf das Flüchtlingsthema nicht nichts, aber nicht so viel wie üblich auszusetzen haben. Aber hier würde ich doch sagen: Auch wer sich die Reden der Politiker*innen regelmäßig anhört, sollte hier weiterlesen.

Natürlich kommen sie auch von den Männern und Frauen der Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften, aber das erstaunt nicht weiter, denn Nächstenliebe, Mitgefühl, Barmherzigkeit zu verkünden ist ja gewissermaßen ihr Job.

Weniger Worte als tatkräftige Hilfe kommt von vielen ehrenamtlichen Menschen, die den Hauptamtlichen nicht nur zur Hand gehen, sondern sie auch kritisieren, wenn sie ihren Job nicht richtig machen.

Ich muss gestehen, bisher habe ich weder über das Thema geschrieben, noch habe ich tatkräftig geholfen, abgesehen von einem Mal, als ich im Kölner Hauptbahnhof einer syrischen Familie half, ihre vielen Taschen  in den Zug nach Gießen zu verladen. Eine Frau, ein Mann und zwei kleine Jungs, mit mehr Taschen, als sie auf einmal tragen konnten, darin aber wohl alles, was sie retten konnten von ihrem einstigen Hausstand. Ich erklärte ihnen, wie sie in Siegen umsteigen müssen, gab ihnen ein paar Müsliriegel mit und ließ sie weiterfahren, als ich in Siegburg ausstieg. Mehr habe ich nicht getan. Ich bekam noch mit, wie eine Frau dem einen Jungen half, das Papier des Müsliriegels zu öffnen und dieser dann herzhaft hinein biss. Der Mann winkte mir nach, und sie fuhren dahin, nachts in einem fremden Land.    

Ich muss gestehen, auch mir machen die Nachrichtenbilder Angst. Angst vor den Zahlen. Ich habe Bilder von historischen Völkerwanderungen vor Augen, sei es die germanische im 4./5., sei es die europäische im 19./20. Jahrhundert. Beide haben die Länder verändert, in die die Massen kamen, Europa bis Nordafrika im ersten, Amerika und Australien oder die ganze Welt im zweiten Fall. Die Germanen flohen vor den Hunnen, die Europäer vor der Herrschaft des Adels, vor Pogromen des Pöbels und vor der Armut. Auch wenn die historischen Umstände immer verschieden waren, so waren die Fluchtursachen doch sehr ähnlich. Freiwillig verlässt kaum jemand die Heimat.

Zahlen. Die syrische Familie im Zug hatte die Zahl vier. Vier Menschen unterwegs einer ungewissen Zukunft entgegen. Dermaßen herausgeschält aus der Masse bekommen die Flüchtlinge Gesichter: eine Bitte des Mannes um eine Information, ein Lächeln der Frau, ein angestrengtes Gesicht des größeren der beiden Jungs, der auch etwas tragen wollte, die geschlossenen Augen des kleineren, der im Zug schnell eingeschlafen war. Man kann zwar vieles in Zahlen ausdrücken, Menschlichkeit aber nicht.

Noch mehr Angst als vor den Zahlen habe ich vor den Ursachen der Flucht. Abstrakt sind das Krieg, Terror, Armut, Ausbeutung, Klimawandel, je nachdem, aus welchem Land jemand flieht. Konkret sind es Menschen. Anders als bei dem Tsunami, von dem ich 2004 schrieb, da könne kein Mensch was dafür, außer, dass das technisch mögliche Frühwarnsystem aus finanziellen Gründen nicht vorhanden war, sind hier eindeutig Menschen die Schuldigen. Da sind die Diktatoren wie Assad, die Terrorgruppen wie der IS, die Waffenindustrie, die vor allem ihr eigenes Geld vermehren will, egal, wer die Waffen letztlich benutzt und gegen wen, generell die kapitalistische Wirtschaft, die am liebsten alles in Zahlen ausdrückt, Verluste, Gewinne, Umsätze, Marktwachstum und Menschenwürde. Wir leben ja noch ganz gut mit dieser Wirtschaft und der sie fördernden Politik in unseren reichen Ländern. Reichtum weckt Begehrlichkeiten, die Benachteiligten wollen auch was vom Kuchen abhaben, für den sie doch schon so lange mitarbeiten, indem sie ihre Arbeitskraft und Rohstoffe billig verkaufen. Ungerechtigkeit weckt Hass, und so spannen sie nun Gott selbst vor den Karren ihres Rachefeldzuges, um die Machtverhältnisse umzukehren, foltern, töten, zerstümmeln mit physischer Gewalt, weil ihnen die strukturelle fehlt, unter der sie so lange litten. Mit Gott gegen die mit Geld, bis das Geld den Besitzer gewechselt, hat, dann können die anderen Gott haben.  Nach nicht vermarktbaren Idealen lechzende Jugendliche lassen sich verführen, so wie damals in der Hitlerjugend. Fanatische Werte als Antwort auf den Wahn, alle Werte in Zahlen ausrechnen zu wollen. Sie schwingen sich auf in das Reich der Götter, die über Leben und Tod entscheiden, und werden doch nur Halbgötter, eifersüchtige Götter, um es in buddhistischer Terminologie auszudrücken, wenn nicht gar Höllenwesen, leidend und Leid bringend. Sie opfern andere und sich selbst, obgleich der Gott, an den zu glauben sie vorgeben, schon Abraham gesagt hat, dass er keine Menschenopfer will, wie es das Judentum, das Christentum und der Islam lehren. Um selbst erlöst zu werden, so lehrt wiederum der Buddhismus, muss man zuerst einmal Mensch werden.

Unsere Bundeskanzlerin verteidigte das Grundgesetz, das eine Obergrenze der Aufnahme von Asylbewerbern ausschließt mit den Worten, sie wolle das C im Namen ihrer Partei achten. Ihre Erziehung in einem Pfarrhaus zeigt Früchte. Während dessen wollen andere das christliche Abendland verteidigen, vor den Flüchtlingen wohlgemerkt, nicht vor den Fluchtverursachern. Sie schwingen die rote Flagge mit dem schwarzen, gold umrandeten Kreuz, die Ende der 1940er auch antrat, um Bundesflagge zu werden. Überall in den europäischen Ländern mit einem Kreuz in der Flagge oder ohne haben und schüren sie Angst, die Abendlandverteidiger, für die Gott der ihres Stammes ist, nicht der Schöpfer aller Menschen. Der Streit geht durch die Christenheit: Gehört Gott uns oder gehört ihm die Welt? Haben wir uns unsere Demokratie und unseren Wohlstand mit Gottes Hilfe fleißig erarbeitet und verdienen so exklusiv auch seinen Segen? Oder haben die Flüchtlinge ein Anrecht darauf, nachdem ihre Feinde sie mit Waffen beschossen haben, die unsere Wirtschaft ihnen verkauft hat und nachdem sie von ihrer Landwirtschaft nicht mehr leben können, weil unsere Konzerne ihnen Land und Wasser streitig machen und die Fische vor ihren Küsten wegfangen, auf dass wir schöne preiswerte Lebensmittel bekommen?

Ich möchte keine Monokausalitäten lehren, sondern die Komplexität nur ein wenig reduzieren. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht auf der Erde fördert den Terror, sowohl den staatlichen als auch den kriminellen. Die immer noch zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche fördert den Konkurrenzkampf um die knappen Ressourcen. Mit diesem Satz meine ich nur eine falsche Ökonomie, die Geld nicht nur als Zählmittel für Waren und Leistungen, sondern als Zweck und Sinn des Wirtschaftens sieht. Ist aber schon der Sabbat, der laut jüdischer Schöpfungsinterpretation älter ist als Himmel und Erde, um des Menschen und des Lebens willen da, wie nicht nur Jesus, sondern auch die Pharisäer sagten, so doch erst recht das Geld, und nicht umgekehrt. Und Menschen sind nicht nur die, die vom „making money“ viel verstehen.

Selbstverständlich trägt jeder Mensch trotz aller Einflüsse der von anderen Menschen geschaffenen Umstände auch einen mehr oder weniger großen Eigenanteil an Verantwortung für das, was er tut. Doch je mehr Macht jemand hat, desto größer ist auch seine Verantwortung, da sein Handeln größere Wirkungen hat und demzufolge stärker auch andere Menschen und Lebewesen betrifft.

Bei aller Kritik an den Mächtigen und denen, die nach Macht gieren, möchte ich aber auch sagen, dass ich für die Ängste der Menschen vor einer ihnen aufgezwungenen Veränderung ihres Lebensraumes und ihrer Gewohnheiten auch Verständnis habe. Menschen sind im Grunde weitgehend konservativ. Das, woran wir uns gewöhnt haben, hat sich oft für uns bewährt, damit kennen wir uns aus und fühlen uns wohl. Änderungen, die uns von außen, von anderen Menschen, aufgezwungen werden, sei es von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft, sei es von einer Besatzungsmacht, sei es von Menschen, die neu in unsere Nachbarschaft ziehen, bilden für uns oft ein Problem. Wir müssen unsere Verhaltensweisen ändern, uns an veränderte Anblicke oder Abläufe gewöhnen, ohne dass wir diese Änderung bewusst und absichtlich gesucht hätten. Der so genannte „kleine Mann“ und auch die „kleine Frau“ fühlen sich oft genug ohnmächtig gegenüber den vielen Einflüssen von außen, die von anderen Menschen verursacht werden. Der eine kann das gut kompensieren, ein anderer kommt damit nicht klar.

Ich sehe darin auch einen Grund, warum die Abweisung von Flüchtlingen in unseren östlichen Nachbarländern so vehement ist. Sie blicken auf Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte der Fremdherrschaft zurück, sei diese osmanisch, preußisch, österreichisch, russisch, deutsch oder sowjetisch. Nun sehen sie in der EU endlich die Möglichkeit völliger Selbstbestimmung. Diese sehen sie aber gefährdet durch die vielen Fremden, die ins Land kommen und durch die EU, die ihnen wieder von außen Vorschriften machen will. Auch ist deren Wirtschaftskraft bei weitem nicht so hoch wie die der alten EU-Länder. Vergleichen Sie nur einmal die Restaurantpreise in Tschechien mit denen in Deutschland und machen daraus Rückschlüsse auf die Kaufkraft der Menschen, von da auf das Steuereinkommen und von dort auf den Staatshaushalt.

Dass sich nun die Ablehnung oder gar der Hass aber gegen die Flüchtlinge richtet, also gegen die Opfer des Geschehens, ist freilich ein Fehler. Soll er sich doch gegen die Täter richten, derentwegen die Flüchtlinge zu Flüchtlingen wurden! Nicht der bedroht unsere Lebensweise, der dazu gezwungen wurde, zu uns zu kommen, sondern der, der ihn dazu zwingt, seine Heimat zu verlassen! Noch besser ist es freilich, keinen Hass aufkommen zu lassen.

Dummerweise sind wir es eben zum Teil selber, die durch unsere Wirtschaftsweise und unsere Hegemonialpolitik die Lebensumstände in vielen Ländern so beeinflussen, dass man dort nicht mehr ohne Gefahr an Leib und Leben und menschenwürdig leben kann. Das müssen wir uns schon eingestehen. Und hier gilt das oben gesagte: Je mächtiger wir sind, desto mehr Verantwortung haben wir. Dummerweise gilt aber auch: Je mehr Verantwortungsbewusstsein wir haben, desto weniger streben wir nach Macht, so dass nur die mächtig werden, die sich aus Verantwortung nicht viel machen. Wie wäre das zu ändern?

In Bezug auf die Flüchtlinge gilt es also mal darüber nachzudenken, ob das an Fremdheit, die sie mit ins Land bringen, wirklich nicht zum Aushalten ist oder ob das, was von uns an zumindest Toleranz gefordert wird, nicht vielmehr eine kleine Gegenleistung für das ist, was sie nicht zuletzt unseres Wohlstandes willen schon zu erleiden hatten. Wären unsere Unternehmer nicht Meister im Outsourcing von billigen Arbeitsplätzen, im Import billiger Rohstoffe und im Export von Waren, an denen sie gut verdienen, sähe es bestimmt besser aus auf der Welt. Da unser Wohlstand – auch der des „kleinen Mannes“ – aber zum Teil auf eben diesen Praktiken beruht, können wir nicht so tun, als seien wir total unschuldig an dem allen. Die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge fliehen doch eben vor einer Wirtschaft, die ihnen Armut und uns Wohlstand beschert. Und die Kriegsflüchtlinge fliehen vor Kriegen, die sich neben religionistischen und ethnizistischen auch wirtschaftlichen Gründen verdanken, die ihre Ursache in globalen Konkurrenzkämpfen um natürliche und menschliche Ressourcen haben.

Ja, soweit her ist es nicht mit meiner Komplexitätsreduzierung. Es ist viel mehr sehr komplex und nicht so einfach zu erklären, aber müsste ich die Ursachen für die ganze Katastrophe in drei Worte fassen, würde ich die samsarische Trias Gier, Hass und Verblendung nennen, die in buddhistischer Terminologie die drei Gifte sind, die das menschliche Denken, Fühlen, Reden und Handel in einem nicht enden wollenden Leidenskreislauf gefangen halten.

Wenn ich schon mal beim Buddhismus bin, fällt mir ein, dass es einige Berufe gibt, die man nicht ausüben sollte, wenn man aus eben diesem Kreislauf erlöst werden möchte. Interessanterweise ist der Soldat nicht so eindeutig darunter, denn die Verteidigung des eigenen Landes gegen militärische Angreifer ist buddhistisch erlaubt, und das geht nunmal nicht ohne Soldaten. Aber der Beruf des Waffenhändlers gehört eindeutiger dazu. Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der niemand mit der Herstellung oder dem Verkaufen von Kriegswaffen Profit machen kann. Eine Gesellschaft, in der ein Staat mit Steuermitteln die zur Selbstverteidigung notwendigen Waffen herstellt, oder mehre verbündete Staaten zusammen, in der aber nicht die Privatwirtschaft damit betraut wird, den Lebensunterhalt von Menschen davon abhängig zu machen, dass andere Menschen Kriege führen. Und vor allem eine Gesellschaft, in der der Zweck des Wirtschaftens nicht die Vermehrung von Geld in privaten oder firmeneigenen Anlagen ist, sondern die Versorgung der Menschen mit dem, was sie brauchen, um gesund und glücklich zu leben. Ist Ihnen das zu utopisch?

Genauso utopisch ist wohl die Vorstellung, dass der oberste Wunsch des wirtschaftenden Menschen das Glück aller am Wirtschaftsprozess Beteiligten sein sollte, von den Lebewesen der vom Wirtschaften betroffenen Ökosystemen über die Menschen, die die Rohstoffe an- oder abbauen und die Waren produzieren und die Händler und Transporteure, die die Waren von den Produzenten zu den Konsumenten bringen bis hin zu den Konsumenten am Ende der Kette. Wenn das eine Utopie ist, dann ist es eine Utopie des Lebens, während die Utopie der grenzenlos vorhandenen und ausbeutbaren Natur und Menschheit, die Utopie, den Willen Gottes mit Gewalt durchsetzen zu können und die Utopie, sich auf Kosten anderer zu bereichern und sich zugleich von diesen anderen abschotten zu können Utopien des Todes sind. Und gar keine Utopie, keine Träume und Wünsche mehr zu haben, sich mit dem Status quo abzufinden und nur noch zu funktionieren in wunschlosem Unglück, das sind, wie Michael Ende es nannte, die Sümpfe der Traurigkeit. Es sei denn man ist wunschlos glücklich, dann ist man erwacht oder erleuchtet, aber so weit sind wir noch nicht.

Denken Sie jetzt, das war aber nicht neues? Da haben Sie Recht, ich habe ja am Beginn des Textes schon darauf hingewiesen. Oder denken Sie, das war schon alles bekannt, aber Wiederholung ist die Mutter des Studiums? Sollte mein Text diesem Zwecke dienen, bin ich zufrieden mit ihm. Oder Sie denken, das ist doch alles Unsinn, was der Schmiedel da schreibt. Da würde ich Ihnen widersprechen, denn wenn ich da Ihrer Meinung wäre, hätte ich es nicht geschrieben.

Ich erwähne zum Schluss aber noch eine andere Berufsgruppe, von der hin und wieder mahnende Worte kommen, nämlich die der Naturwissenschaftler. Harald Lesch zum Beispiel sagte letztens in „Terra X“, dass wir, wenn wir dereinst unseren Planeten verlassen müssen, um unsere Art über die Lebensdauer der Erde hinaus zu erhalten, gelernt haben müssen, friedlich miteinander umzugehen, denn die Raumschiffe seien eng und die Reise sei lang. [3] Und in „Leschs Kosmos“ erklärte er, das nordatlantische Glasfaserkabel diene vor allem dem noch schnelleren Börsenhandel.[4] Ja, was soll man sagen über eine Gesellschaft, deren technische Fortschritte und Errungenschaften dann am spektakulärsten sind, wenn es um die Überflügelung von militärischer oder wirtschaftlicher Konkurrenz geht? Abgesehen davon, dass von den Börsenspekulationen nur sehr wenige Menschen was haben, während sie den meisten Menschen eher schaden als nützen, so dass man die im wahrsten Sinne des Wortes als a-sozial bezeichnen kann. Wenn Sie mir nicht glauben und den Kabarettisten, Literaten und Kirchenleuten auch nicht, dann glauben sie den Naturwissenschaftlern. Aber nur denen, deren Gutachten nicht vom Militär oder von der Wirtschaft bezahlt werden. 


Noch’n Gedicht:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
                                                            Novalis[5]


Herzliche Grüße,
Ihr Michael A. Schmiedel
http://www.migrapolis-deutschland.de/?id=michaelaschmiedel

Interreligiöser Rundbrief im Netz:
http://interreligioeser-rundbrief.blogspot.de

PS: Diesen Text schrieb ich hauptsächlich im Zug zwischen Bielefeld und Siegburg am 20. und 21.10.2015 und machte ihn in den Tagen danach fertig.





[1] Zitat von Navid Kermani aus: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Die Rede des Preisträgers Navid Kermani. Jacques Mourad und seine Liebe in Syrien, In: FAZ, Montag 19. Oktober 2015, S. 10-11, hier S. 10. – Die Rede ist auch online lesbar auf der Seite des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/819312/ (geöffnet am 25.10.2015).
[3] Vgl. Terra X: Faszination Universum. Im Bann des Lichts: http://www.zdf.de/terra-x/im-bann-des-lichts-faszination-universum-mit-harald-lesch-40222828.html?tabNo=0, ca. bei Minute 42 (aufgerufen am 25.10.2015).
[4] Vgl. Leschs Kosmos: Geldgier. Wahnsinn mit Methode: http://www.zdf.de/leschs-kosmos/leschs-kosmos-5988324.html, ca. ab Minute 3 bzw. -27 (aufgerufen am 25.10.2015)..
[5] Zitiert nach: Wikipedia, Art: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren: https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_nicht_mehr_Zahlen_und_Figuren, aufgerufen am 25.10.2015.