Samstag, März 28, 2026

Interreligiöser Rundbrief ... Nr. 2026-1 (28.03.2026)

 

Interreligiöser Rundbrief für Bonn und Umgebung Nr. 2026-1 
(28.03.2026)

 

„Der Verleger muß ‚mit der Zeit gehen', wie man sagt, er muß aber nicht einfach die Moden der Zeit übernehmen, sondern auch, wo sie unwürdig sind, ihnen Widerstand leisten können.'

                                                                                                                                Hermann Hesse[1]

 

Liebe Leser:innen des Interreligiösen Rundbriefes,

wir leben in widersprüchlichen Zeiten. Einerseits wird es uns immer selbstverständlicher, in einer kulturell und religiös vielfältigen Gesellschaft zu leben, so dass auch vor wenigen Jahrzehnten uns exotisch vorkommende Dinge alltäglich wurden, andererseits gibt es immer noch Exzesse der Fremdenfeindlichkeit, und eine Partei, die nicht gerade dafür bekannt ist, dass sie für andere Kulturen als der eigenen ein offenes Herz hat, ist laut „Sonntagsumfrage“ gleichauf mit einer alteingesessenen demokratischen Partei eine der zwei stärksten Parteien in Deutschland geworden. „O tempora, o mores“ mag man da ausrufen, „Oh Zeiten, oh Sitten!“.

Im Februar wurden zwei Bonner Kommunalpolitikerinnen, die zwei verschiedenen demokratischen Parteien angehören, Ihres Kopftuchtragens wegen im Internet attackiert. Die Regionalzeitung „General-Anzeiger“ erhielt dazu zwei Leserbriefe von interreligiösen Organisationen, deren einen sie abgedruckt hat, nämlich erstens von Roland Benarey-Meisel im Namen der Bonner Initiative für Respekt und Zusammenhalt (BIRZ) und von mir im Namen des Interreligiösen Friedensnetzwerks Bonn und Region (IFN). Ich gebe hier beide wieder, damit ihr Inhalt auch über das Tagesgeschehen hinaus der Öffentlichkeit zugänglich ist.

 

Hier Nr. 1 von der BIRZ:  

„Liebe Redaktion,

ich bitte Sie, folgenden Leserbrief zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu veröffentlichen.

Besten Dank
Viele Grüße
Roland Benarey-Meisel

Mit Bestürzung haben wir gelesen, wie die Bonner Stadträtin Frau Eva Kuzu als Muslima von feigen Schreiberlingen anonym beschimpft wurde. Wie traurig und empörend ist das? Welche Geisteshaltung kommt hier zum Ausdruck? Wir dürfen nicht erneut wegschauen, wenn Menschen wie vor mehr als 90 Jahren wegen ihrer religiösen Überzeugungen entwürdigt werden. Wir haben doch gelernt, wohin das führen kann. Als interreligiöse Initiative und als überzeugte Demokraten gilt für uns der Grundsatz: ‚ein Mensch ist ein Mensch‘. Wir setzen uns ein für den Schutz von Minderheiten. Wir wehren uns entschieden gegen jede Form von Menschenverachtung, gegen Hass und Hetze, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Frau Kuzu danken wir für ihr ehrenamtliches Engagement als Sozialpolitikerin. Sie soll wissen, dass wir ihren Einsatz für unser Gemeinwohl sehr würdigen und solidarisch an ihrer Seite stehen.

Roland Benarey-Meisel, Wachtberg
für die ‚Bonner Initiative für Respekt und Zusammenhalt (BIRZ)‘“

 

Und hier Nr. 2 vom IFN:

„Leserbrief zu ‚Die Hetze kommt in Wellen‘ von Johanna Lübke und Philipp Königs im GA am Di 27.01.2026, S. 13

„Sehr geehrte GA-Redaktion,

am vergangenen Dienstag berichteten Sie von verbalen Angriffen auf die Bonner Ratsfrau Eva Kuzu aufgrund ihres Kopftuchs, ihrer Religionszugehörigkeit, ihrer Parteizugehörigkeit und ihres Geschlechtes und auch auf Feyza Yildiz. Leider hat die politische Debattenkultur durch die Möglichkeit, im Internet anonym Meinungen mit großer Reichweite zu veröffentlichen sehr an Unsachlichkeit und an persönlichen Angriffen zugenommen. Bei Frau Kuzu sind es anscheinend vor allem politisch rechte, bei Frau Yildiz politisch linke Beleidiger und Verleumder, was die Parteizugehörigkeit der beiden Frauen als Grund der Anfeindung angeht. Zudem kommt bei beiden das Motiv der Islamophobie und der Ausländerfeindlichkeit. Auch wenn beide Ausländerinnen wären, sind solche Anfeindungen ein Zeichen eines mangelnden Respekts vor der Menschenwürde. Was nun die Anfeindung aufgrund ihrer Religion angeht, so hätte man vor wenigen Jahren noch denken können, dass wir in einem religiös toleranten Land leben, in dem jeder nach seiner Façon selig werden darf. Was aber vom Gesetz her garantiert ist, wird wohl von Teilen der Bevölkerung nicht mitgetragen. Derzeit sind es neben Muslimen vor allem auch Juden, die diese Feindseligkeit zu spüren bekommen. Deshalb ist es notwendig, dass wir als demokratische und vielfaltsfreundliche Gesellschaft für die Religionsfreiheit eines jeden Menschen eintreten, sowohl für die Freiheit, eine Religion freier Wahl auch in der Öffentlichkeit auszuüben als auch für die Freiheit, nichtreligiös zu sein. Zugleich gilt das auch für die Kleidungsfreiheit. Ob jemand ein Kopftuch trägt oder einen Hut oder barhäuptig unterwegs ist, ob jemand Rock oder Hose, Mantel oder T-Shirt trägt, ob aus geschmacklichen, religiösen, medizinischen oder welchen Gründen auch immer, ist alleine die freie Wahl eines jeden Menschen für sich selbst. Wenn jemand Angst haben muss, wegen seiner Religion oder Weltanschauung oder wegen seiner Kleidung im Internet oder auf der Straße angefeindet zu werden, ist ein friedliches und freies Leben nicht mehr möglich. Das Interreligiöse Friedensnetzwerk Bonn und Region tritt seit zehn Jahren für ein friedliches Miteinander aller Menschen in einer vielfältigen aber vor allem gemeinsamen Gesellschaft ein. Wer was zu kritisieren hat, soll das tun, aber ohne Beleidigung, sondern sachlich und freundlich und am besten nicht anonym.

Dr. Michael A. Schmiedel, Interreligiöses Friedensnetzwerk Bonn und Region (IFN)
https://ifn-bonnregion.jimdofree.com/

(Veröffentlicht im General-Anzeiger am 09.02.2026, S. 23)

Nach der Veröffentlichung dachte ich, ich hätte bei der Aufzählung der Kleidungsstücke noch die Kippa erwähnen sollen, aber ich denke, es ist auch so klar, was gemeint ist. Der General-Anzeiger gab dem Leserbrief die Überschrift „Für Religionsfreiheit eintreten“. Aber eben auch für Kleidungsfreiheit, denn man kann auch ein Kopftuch aus anderen als religiösen Gründen tragen. Was beide Freiheiten angeht, hat unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte in Toleranz, Respekt und Akzeptanz gemacht. Genau diese Fortschritte nerven aber einige Mitglieder eben dieser unserer Gesellschaft so sehr, dass sie meinen, sich in der Anonymität des Internets beleidigend und verletzend dazu äußern zu müssen. Menschen die aus identitären und ideologischen Gründen anderen nicht zugestehen, was sie für sich selbst in Anspruch nehmen, wird es wohl immer geben. Allein die Menge solcher Menschen erschrickt mich doch und dass sie zunehmend meinen, Redefreiheit für ihre Hetze verlangen zu können, nach dem Motto: „Man wird das doch wohl sagen dürfen.“ Ich bin auch sehr für Rede- und Meinungsfreiheit, frage aber: Warum hat jemand das Bedürfnis, sich so despektierlich gegenüber anderen Menschen äußern zu wollen?

Ein Teil der Antwort liegt in der wirtschaftlichen Situation, die für uns wohlstandsverwöhnten Europäer:innen eher wenig rosig aussieht. Dann sieht man in Menschen, die man als ausländisch, anders- oder ungläubig ansieht, eher eine Konkurrenz um knappe Ressourcen. Kulturelle und religiöse Merkmale wie das Kopftuch werden dann zum sprichwörtlichen roten Tuch. Diese Verhaltensweise ist nicht nur europäisch, sondern menschlich. Man kann sie durch die Geschichte immer wieder und global überall beobachten. Kurz gesagt: Geht es uns gut, sind wir tolerant, geht es uns schlecht oder haben wir Angst, es könnte uns künftig schlecht gehen, sind wir intolerant.

Das darf nun aber keine Ausrede sein, die es uns erlaubt, so mit Menschen umzugehen, zumal es sicher noch andere Gründe für ein solches Verhalten gibt. Zudem verhalten sich ja nicht alle so. Es ist also kein Automatismus. Letztlich liegt es auch an unserer inneren Freiheit, wie wir andere Menschen behandeln, und zur Freiheit gehört auch Verantwortung. Wer für sich Freiheit fordert, ohne Verantwortung übernehmen zu wollen, entmündigt sich selbst.

 

Und noch ein Zitat:

„Jede Zeit hat zwei kontrastierende menschliche Ideale: das Zeitsymbol und sein Gegenteil. Friedrich und Werther, Bismarck und Parzival, Napoleon und Romantik.“

                                                                                                                   Walther Rathenau[2]

Herzliche Grüße,
Ihr/Euer Michael A. Schmiedel

https://interreligioeser-rundbrief.blogspot.com/
https://ifn-bonnregion.jimdofree.com/

 



[1] Zitat aus www.zitate.de: https://www.zitate.de/autor/hesse%2C+hermann (geöffnet am 28.03.2026)

[2] Zitat zitate7.de: https://www.zitate7.de/autor/Walther+Rathenau/ (geöffnet am 28.03.2026).